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Bocagrade

Batterie-Drama in mehreren Akten

  1. Akt: Feststellung, dass die vier Servicebatterien, die Batterie für die Ankerwinsch und die Batterie für das Bugstrahlruder die sechsmonatige Standzeit in der Hitze nicht überlebt haben. Beim Versuch diese aufzuladen wurden sie gefährlich heiß.
  2. Akt: Der werfteigene ingeniero electrónico wird an Bord gebeten, der feststellt, dass die Batterien heiß sind, aber eigentlich noch genug Spannung anzeigen. Er ist ratlos und fordert Verstärkung an. 
  3. Akt: Ein externer Ingenieur kommt am nächsten Tag an Bord. Offensichtlich hat er einen Plan, denn er nimmt die ihm unter die Nase gehaltene Gebrauchsanweisung unseres Ladegerätes und Ladereglers in die Hand und liest die spanische Beschreibung. Legt sich mit seinen Messgeräten unter den Kartentisch und kommt zum Ergebnis, das Gerät ist in Ordnung. Die sechs Batterien sind futsch.
  4. Akt: Im Büro von Ferroalquimar schildern wir das Problem. Die Sekretärin will Angebote für neue Batterien einholen.
  5. Akt: Am nächsten Vormittag fährt ein Taxi vor und vier Batterien werden mit viel Palaver an Bord gehievt. Wir sind irritiert. Wir hatten weder einen Kostenvoranschlag gesehen, noch einen Kaufauftrag erteilt. Die Sekretärin kommt ebenfalls an Bord und glättet die Wogen. Es sei nur ein Test, ob die Batterien passen. Tun sie eben nicht! Nicht dass wir ihr Fotos von den alten Batterien, vom Batterietyp AGM und von den Maßen der Batterien und auch der Batteriebox gegeben hätten. Die ganze sinnlose Aktion wird abgeblasen und der Batterieverkäufer zieht beleidigt ab.
  6. Akt: Findet nicht statt. Am nächsten Tag passiert nämlich gar nichts. Niente, nada. Alle Beteiligten schmollen.
  7. Akt: Wir werden aktiv. Über Google Maps suchen wir alle Batterienläden in Cartagena raus und setzen uns ins Auto und fangen mit Abklappern an. Das dauert drei Tage. Der Googleübersetzer läuft heiß. Wir finden einige Alternativen. Unter anderem kommen wir auch an den Verkäufer aus Akt 5. Der ist immer noch angefressen (sein Problem), lässt sich aber darauf ein, uns passende Batterien rauszusuchen und uns einen Kostenvoranschlag zu machen. Er könnte in 15 – 30 Tagen liefern. Der Nachbarladen hat auch Batterien im Angebot, will uns aber weismachen, dass wir durchaus Gel- und AGM-Batterien mischen können. Also vier Gel-Batterien als Service- und zwei AGM Batterien für Ankerwinsch und Bugstrahlruder. Er hätte zufälligerweise alle auf Lager. Nein, lieber nicht. 
  8. Akt: Die Werftsekretärin ist immer noch angefressen und sagt, dass es nahezu unmöglich sei, für uns die passenden Batterien zu finden. Wenn sie das meint…
  9. Akt: Wir kommen mit unserem Zimmervermieter (Engländer, seit 14 Jahren hier) ins Gespräch. Er hat einen amerikanischen Freund, der seit vier Jahren im Club Nautico Cartagena auf seinem Segelboot lebt. Dieser empfiehlt uns den Marine Store in Manga. Ja, den kennen wir und da waren wir auch vor zwei Tagen kurz vor Feierabend. Die sagten zwar lose, dass sie uns Batterien besorgen könnten, aber nichts genaues. Also hatten wir den zwischenzeitlich abgehakt.
  10. Akt: Wir fahren am Samstagvormittag nochmals zum Marine Store in Manga. Ja, sie können sich an unseren Besuch erinnern und ja, die Aussage, die Batterien besorgen zu können steht. Wenn wir jetzt im Voraus bezahlen, werden die Batterien bis zum Dienstag angeliefert. 5 AGM Batterien, mit der Einschränkung, dass wir aus Platzgründen nun weniger Ah zur Verfügung haben. Die Batterien mit der benötigten Kapazität wären schlicht zu fett für unser Batteriebox gewesen, nun steht halt eine Servicebatterie weniger drin. Muss gehen. Es gab keine andere Möglichkeit. Zudem hatten sie den besten Preis gemacht. Der Unterschied vom teuersten zum günstigsten betrug 1.470.000,— kolumbianische Pesos, sind rund 410 Euros. 
  11. Akt: Fällt aus, weil nämlich die Batterien tatsächlich angeliefert werden. Wird schon klappen. 

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Vorausschauend denken und handeln scheint eine typisch deutsche Eigenschaft zu sein. Bestes Beispiel heute früh. Wir müssen mit unserem Mietwagen vor 7 Uhr morgens aus der Stadt draußen sein, weil wir mit der Endnummer 6 auf dem Nummernschild donnerstags ab 7 Uhr nicht mehr in Cartagena fahren dürfen. Eine gute Regelung, schont die Umwelt und entzerrt den Berufsverkehr. Die bringt uns schon weit vor sieben in die Werft und aufs Schiff. Wir sitzen noch beim Tee, schwups ist die Leiter weg (und auch unsere Schuhe) wir sind gefangen. Kommen nicht mehr runter. Scheint nicht üblich zu sein, dass morgens jemand auf dem Schiff ist. Vielleicht hätte nachfragen geholfen. Der Kran ist da, um das Schiff ca. einen Meter anzuheben. Ratz fatz hängen wir in den Seilen (Krangurten) so schnell können wir gar nicht gucken. Schiffschaukel.

Da hängt sie in den Seilen

Aus Sicherheitsgründen dürften wir gar nicht auf dem Schiff sein. Heute ist es egal. Time is money. Kranstunden sind teuer. Aber aufs Klo oder in den Aufenthaltsraum ohne Schutzhelm zu gehen ist unmöglich. Sofort pfeift einen der Sicherheitsmensch zurück. Kein Schritt übers Gelände ohne Helm (Ich könnte einen Versandhandel für Schutzhelme aufmachen, so viele Leihhelme habe schon verordnet bekommen). Aber Schiffschaukel ist ok? Für den Sicherheitsmensch wohl, aber nicht für mich. Ich sitze am Kartentisch in bekomme hautnah mit, wie die Sunrise in die Gurte gequetscht wird. Wir sind ein Kunststoff-Schiff mit 9 Tonnen Leergewicht und das Einquetschen macht ein Geräusch, das mag man sich gar nicht vorstellen. Der Grund für diese Aktion ist, dass wir die Dichtungen unseres Ruderlagers austauschen wollen. Dafür muss das Ruder einen Meter aus dem Ruderschaft abgelassen werden. Das geht nicht, wenn das Schiff auf den Stützen steht, deshalb die Schiffschaukel-Aktion. In Trinidad haben wir die Dichtungen vom Ruderlager ebenfalls getauscht. Hier haben die Jungs kurzerhand ein Loch unter dem Ruder gebuddelt, die Dichtungen ersetzt und hinterher den Sand wieder eingeschaufelt. So geht es auch.

Aktion Ruderlager/Schiffschaukel beendet. Travellift zieht ab

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Das Schiff steht unverändert an Land. Die Arbeiten gehen schleppend voran. Dafür habe ich sogar Verständnis. 30 Grad in Cartagena.

Cartagena 30 Grad

Ich bin bereits nach einer Stunde Schiffabspritzen, was nun echt keine schwierige, dafür sinnlose Übung ist, platt wie eine Flunder.

Vor dem Putzen ist gleich nach dem Putzen.

Da widmen wir uns doch lieber schöneren Dingen, Genüssen. Das Frühstück im Hotel ersetzt das Mittagessen bzw. ist Frühstück und Mittagessen in einem. Wir beginnen mit einem hauchdünnen Crêpe mit frischen Früchten und Schokoladensauce, es folgt eine Platte mit gefüllten Maisfladen, Spiegel- oder Rührei, Avocado und Tomatenstückchen und gegrilltem Brot. Dazu schwarzer Kaffee und frisch gepresster Saft.

Frühstück 1. Gang

Frühstück 2. Gang

Danach wäre ein Verdauungsschlaf angesagt – aber wir sind hier nicht auf Urlaub. Mit dem Auto* geht es quer durch die Stadt um die Arbeiten auf der Werft anzustoßen. 

Abends nehmen wir im Hotel eine Dusche und anschließend widmen wir uns wieder den schönen Dingen. Abendessen. Sushi und/oder Ceviche Camaron, Rinderfilet oder Pizza. Alles lecker. Leider hat „unser“ Italiener einen Tag nach unserem Besuch heiß abgebrochen, oder es waren andere italienische Mächte am Werk, sodass das Lokal b.a.w. geschlossen ist. Nobody knows.

Ceviche camaron mit Avocado, Mango und Karottenstreifen

Das Angebot ist riesig, hungern braucht hier kein Tourist.

*Autofahren in Cartagena ist die ultimative Herausforderung. Walter fährt, ich zucke. Ausgerechnet ich, überhaupt nicht schreckhaft und auf der Straße eher zu den forschen Piloten zählend. Das hier ist eine ganz spezielle Nummer. Vom Grundsatz ein super System. Alles Einbahnstraßen, meist zweispurig. Aufgeteilt schachbrettartig in Calles und Carreras. Die Carreras mit den geraden Zahlen führen aus der Stadt raus, die ungeraden rein. Die Calles sind die rechtwinkligen Verbindungen zwischen den Carreras. Soweit alles gut, es kommen in den Vorstädten noch die Transversales und die Diagonales dazu. Durchschaubar und logisch – wenn nicht tausende andere Verkehrsteilnehmer auf der Piste wären. Rikschas, Fahrräder, Mofas und auch mal ein Esel mit angehängtem Karren kommen einem in der Einbahnstraße am linken! Straßenrand entgegen. Die aggressiven gelben Taxis machen aus den zwei Spuren kurzerhand vier. Spurwechsel ohne Blinker normal, in jede Lücke wird reingedrängt, dazwischen düsen hunderte Mopeds durch die Massen von Autos auf undefinierbaren Fahrspuren. Rücksichtslos oder hirnlos – einig sind wir uns, dass im Oberstübchen irgendwas verrutscht ist. Auch nett, die rechte Fahrspur ist im Prinzip nicht existent, weil zugestellt mit mobilen Essenständen, Wasserverkäufern, Schubkarren mit heimischem Obst, original Panamahut-Verkäufer etc. also kilometerlanger Marktplatz. Taxis halten immer und überall wo sie einen möglichen Fahrgast auch nur wittern, in der Kurve, in zweiter Reihe. Normal.

Heute war mitten im Chaos eine Verkehrskontrolle. Wir mit dabei, eh klar. Nicht mit dabei die Pässe und Walters Führerschein. Die Mietwagen-Dokumente waren im Handschuhfach. Da konnte der Officer schon mal mit Lesen anfangen. Dann zeigte ich ihm das Foto von Walters Führerschein auf dem Mobilphone und versuchte ihm zu erklären, dass die Originaldokumente im Hotelsafe sind. Der Rest war minutenlanges Doofstellen unsererseits und viel Palaver bei der Gegenpartei. Die Gegenpartei gab als Erstes auf und tippte die Verwarnung in den Google-Übersetzer. Das Dokumente muss physisch in der Auto sein. Lässt sich machen, manana. Und Tschüss!

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Das Problem mit dem lauten Hotelzimmer konnten wir lösen. Wir haben seit gestern ein Zimmer, das zum Hinterhof raus geht. Es ist nicht mehr so laut und wir können in der Nacht die verhasste Klimaanlage auslassen und die Fenster öffnen. 

Unser Blick aus dem Hotelfenster in den Hinterhof

Ein anderes Problem habe ich (Walter hat keines, er sagt ihm war das klar). Nach drei Tagen arbeiten am Schiff habe ich die Nase schon gestrichen voll. Das Werftgelände liegt eingebettet zwischen zwei Großschiffswerften und es staubt ohne Ende. Sand, Dreck, Farbsprühnebel und was weiß ich für ein gelbes Giftzeugs wird vom Wind über der Sunrise verteilt. Deck schrubben und abspritzen ist grad für die Katz. Außerdem sind die Jungs von Ferroalquimar noch dabei unser Heck neu zu lackieren. Da ist Wasser tabu. Es grenzt an ein Wunder, welch gutes Ergebnis sie unter solch widrigen Bedingungen erzielen. Der Lack sieht pickelfrei aus. Schauen wir mal wie lange der unter der karibischen Sonne hält.

Im Schiff drinnen war alles in Ordnung. Der Luftentfeuchter lief mit einer Zeitschaltuhr über eine externe Stromversorgung, nicht über das Bordnetz,  jeweils einige Stunden am Tag. Nichts müffelt oder ist schimmelig. 

Aber unsere Batterien sind tiefenentladen. Irgendwie haben die Ladegeräte und/oder die Laderegler nicht so wie gewünscht funktioniert. Geplant war, dass die Batterien über unsere Solarzellen geladen werden, weil wir während unserer Abwesenheit keinen externen Stromanschluss haben wollen. Hat in den Vorjahren immer super funktioniert. Nur eben jetzt nicht. Das heißt, wir werden die Batterien ersetzen müssen. 

P.S. Bilder vom versauten Schiff gibt es keine. Das will kein Mensch sehen. Und außer dem Hotel und der Werft haben wir noch nicht viel gesehen. Wir arbeiten dran.

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Der Inlandsflug von Bogota nach Cartagena ging pünktlich und das Gepäck war ja bereits von München aus direkt nach Cartagena durch gecheckt. Dies hatte zur Folge, dass der Zoll uns bei der Ankunft in Cartagena mit der Masse der Einheimischen einfach durchgewunken hat. Alle vier Gepäckstücke sind unversehrt angekommen. So unproblematisch ging es noch nirgends. Der Mietwagen stand ebenfalls bereit. Nur mit unseren Gepäckstücken mussten wir Tetris spielen und haben mit dem Gewicht den Kleinwagen kurzerhand 10 cm tiefer gelegt. Alles kein Problem. Das Hotel ist eher ein Problem, laut, sehr laut, im Ortsteil Bocagrande an der Avenida St. Martin gelegen und unser Zimmer geht zur Straße raus. Da habe ich bei der Buchung nicht aufgepasst. Hätte mich stutzig machen müssen, dass ich den kompletten Betrag im Voraus bezahlen musste. Das ist bei Booking.com unüblich. Aber das Frühstück war super reichhaltig und mit lateinamerikanischer Livemusik unterlegt, ein stimmgewaltiger Gitarrist gab die Klassiker zum Besten.

Livemusik zum Frühstück

Auf der Werft waren wir auch schon um uns zurück zu melden. Die Sunrise sieht aus als hätte sie sechs Jahre und keine sechs Monate an Land gestanden. Zentimeterdick mit Sand und Staub bedeckt. Ich will gar nicht dran denken. 

Nützt alles nichts – packen wir es an!

Flug nach Bogota

Wir warten vor dem Avianca Schalter in München auf den Check in für den Flug nach Kolumbien. Das Licht am Schalter geht an und aus allen Ecken strömen Leute sternförmig auf das Viehgatter für den Check in zu. In Lichtgeschwindigkeit entsteht ein kolumbianisches Chaos vom Feinsten. Kreuz und quer Koffer, Kofferkulis, Kinder mit Kopfhörern auf selbigem irren ziellos durchs Gemenge. Zwischendurch entdeckt die Bundespolizei ein vergessenes Handgepäck ohne die dazugehörige Person abseits des Menschenrudels. Funksprüche werden abgesetzt, der Bereich um das Gepäck mit Absperrband gesichert. Das Gepäckstück wird mit Maschinenpistolen bewacht. Eine Lautsprecherdurchsage bittet den Kofferbesitzer darum, sich einzufinden. Und – wirklich wahr – irgendwo im Menschenrudel löst sich eine Person, die sich daran erinnert, dass sie außer den zwei aufzugebenden Gepäckstücken auch noch Handgepäck hatte. Ist schon schwer da den Durchblick zu behalten. Zwischenzeitlich sind wir am Schalter angekommen, zeigen unser elektronisches Ticket und unsere Pässe. Das Flugticket wird geprüft und nicht für gut befunden. Avianca will uns nicht mitnehmen, weil wir weder Rückflug- noch Weiterflugtickets haben. Avianca sagt, wir dürfen so nicht in Kolumbien einreisen und sie verweigern uns die Beförderung. Wir sollen aus der Schlange wieder raus und ein Weiterflugticket nach irgendwo nicht in Kolumbien kaufen. Das wäre dann ok und wir könnten dies ja wieder stornieren, wenn wir in Cartagena angekommen sind. Nein Leute, den Scheiß mach ich nicht mit. Die Teufelchen in meiner Birne laufen Amok. Ich wedle mit der temporären Importlizenz für die Sunrise und sage, dass wir Kolumbien im Februar auf dem Seeweg verlassen. Keinen Zentimeter gehe ich hier weg. Auflauf von vier Avianca Mitarbeiten. Zwei erklären sich bereit, unsere Schiffsdokumente zu kopieren und die Immigration in Bogota zu kontaktieren. Gefühlte Stunden später kommt das OK. Geht doch! Jetzt noch mit der halben Büroausstattung durch den Sicherheitscheck und dann abheben.

 

 

El viaje continua

Sieben Monate in Deutschland und wir haben mehr erlebt als uns lieb war.
Schmerzliche Abschiede, Jubiläen, Auszüge, Umzüge, Einzüge, Neuanfänge und Turbulenzen.
Der Tod ordnet die Welt neu. Scheinbar hat sich nichts verändert und doch ist alles anders geworden. Antoine de Saint-Exupéry

Meine Cousine betitelte ihren Weihnachtsbrief mit einem Zitat von Mary Burmeister:
JETZT IST ZEITLOS
Wie aktuell doch dieses ist! Alles verändert sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Vorausplanen ist kaum mehr möglich, wir reagieren statt zu agieren. Am 16. Januar 2019 werden wir zurück nach Kolumbien fliegen. Nachdem die ganzen Wartungs-und Reparaturarbeiten erledigt sind, wollen wir gen Norden. Einen exakten Plan gibt es nicht, zu unklar ist, was uns in der Zukunft erwartet. Das Motto heißt einfach „Nord“ und darauf zu reagieren, was die Zeit uns bringt. Optionen gibt es genügend.

Jetzt ist zeitlos.

Routenplanung 2019 rot: geplante Route grün/schwarz: alternative Route

Routenplanung 2019
rot: geplante Route
grün/schwarz: alternative Route

Novemberblues

Immer, wenn wir aus der Ferne zurück nach Deutschland kommen wundern wir uns über das Rumgejammer und die allgemeine Unzufriedenheit.

Mensch Leute, uns geht es verdammt gut!
Wir haben eine funktionierende Infrastruktur, eine nicht korrupte Verwaltung und Regierung.

Je länger wir im Land sind, desto weniger zufrieden werden auch wir.

Infrastruktur: ja, die Müllabfuhr kommt immer zuverlässig, Energie- und Wasserversorgung läuft, beim öffentlichen Nahverkehr im Großraum Stuttgart sind einige Abstriche zu machen, die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf. Bildungswesen und Forschung kann ich nicht beurteilen, aber beim Gesundheitswesen und bei den anderen sozialen Dienstleistungen kann ich zwischenzeitlich richtig gut mitreden. Wir haben gute Ärzte und eine fortschrittliche Apparatemedizin. Aber ein absolutes Pflegedesaster. Weder genügend qualifiziertes Personal (Herr Spahn, die 13000 neuen Pflegestellen sind allein im Großraum Stuttgart von Nöten) noch genügend bzw. keine Pflegeplätze in Pflegeheimen für schwerstkranke Personen. Das Pflegepersonal in Kliniken ist so überlastet, dass uns jegliches Vertrauen abhanden gekommen ist. Wir hoffen nur, dass es zu keiner Medikamentenverwechslung etc. kommt.
Während wir in Deutschland damit beschäftigt sind täglich ins Krankenhaus zu fahren um die Versorgung meines Vaters zu kontrollieren, wie gesagt kein Vertrauen mehr, steht die Sunrise in Cartagena/Kolumbien an Land. Wir haben eine temporäre Importlizenz bis 28.02.2019, das heißt spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen wir mit dem Schiff aus Kolumbien raus. Für eine Verlängerung dieser Lizenz um ein weiteres Jahr muss der Eigner persönlich anwesend sein. Weder die Werft, bei der die Sunrise an Land steht, noch der für die Behördengänge zwingend erforderliche Agent ist willens und bereit dies ohne unsere Anwesenheit zu erledigen. Ein Witz, denn die Dokumente sind vor Ort und wir haben noch nie einen einzigen Beamten oder Hafenkapitän persönlich zu Gesicht bekommen. Die Schiffspapiere werden dem Agenten übergeben und der macht nach Übergabe diverser Geldscheine seine Arbeit, fertig.
So haben wir beschlossen, dass Walter alleine am 15.01.2019 nach Cartagena fliegt und versucht mit dem Agenten das Thema Verlängerung der Importlizenz durch zu bringen. Falls nicht, werde ich ebenfalls nach Kolumbien fliegen müssen und wir bringen die Sunrise gemeinsam aus dem Land. Vielleicht nach Panama, wo wir nicht noch einmal hin wollten oder vielleicht dürfen wir auch wieder nach Kolumbien einreisen und die Sunrise nochmals für einige Zeit dort an Land stellen. Unsere Reise wird auf jeden Fall erst fortgesetzt, wenn sich die familiäre Situation in Deutschland entspannt hat.

Im September 2018

Lange gab es keinen Eintrag mehr. Das liegt daran, dass uns auch dieses Jahr die Gesundheit oder besser gesagt deren Erhaltung auf Trapp hält. Waren es in den letzten Jahren Walters diverse Krankenhausaufenthalte, so sind es in diesem Jahr die meines Vaters. Ein Großteil der Zeit verbringen wir in Kliniken und im Auto auf dem Weg dorthin.
Heute nun einmal eine kleine Abwechslung im Tagesplan. Es ist Wiesenzeit in München und wie jedes Jahr beginnt zeitnah auf dem Cannstatter Wasen als schwäbische Alternative das Volksfest. Dieses Volksfest jährt sich in diesem Jahr zum 200sten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums veranstaltet die Stadt Stuttgart ein historisches Volksfest auf dem Schlossplatz. Es gibt zahlreiche alte Buden und Fahrgeschäfte, Drahtseilartisten, Feuerschlucker, Gaukler, eine Hutwurfbude, ein Flohzirkus und einen Vogelbauer.

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Die Fahrgeschäfte sind, so wie wir auch, zwischen 60 und 150 Jahre alt. Wir hatten wirklich schöne Kindheitserinnerungen, waren da doch Kettenkarussell und Boxauto, Raupenbahn und (Mini)Riesenrad. Es gelingt tatsächlich eine Zeitreise zurück ins 19te Jahrhundert des Cannstatter Volksfestes. Ein schönes Fest mit weniger Geschrei und Rambazamba. Kein Ort für Kampftrinker und Ballermänner. Einfach wie früher.

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