Marina Quinta do Lorde, Madeira

Seit gestern Mittag sind wir auf der Blumeninsel. Wir liegen sicher in der noblen Marina Quinta do Lorde am östlichen Inselende von Madeira. Die Überfahrt von Porto Santo nach Madeira war sehr gemütlich. Ich hatte Zeit, Lust und Laune die Relingsstützen zu polieren. Das Salzwasser setzt dem Material extrem zu. Die neue Halterung für die Solarpanels hatte schon wieder Flugrost angesetzt. Jetzt glänzt sie wieder, für die nächsten zwei Wochen. Langweilig wird es uns nicht. Es gibt immer zu tun. Wenn wir kein Kulturprogramm machen, dann ist immer was am Schiff zu werken. Gestern Nachmittag und heute Vormittag war Wäschewaschen, Schiffsdeck vom Salz befreien und Spülenunterschrank ausräumen und auswischen dran. Heute Nachmittag haben wir unsere erste Wanderung gemacht. Wir sind von der Marina aus auf die Halbinsel Sao Lourenco hinausgelaufen. Die Halbinsel ist ein Naturreservat und vulkanischen Ursprungs. Jahrmillionen alter aus dem Meer gewachsener Schichtvulkan, von der Erosion geformt. Der Wanderweg führt teils direkt an den Kliffs vorbei und über einen Sattel, von dem man einen atemberaubenden Blick auf die Nordküste Madeiras hat. Im Reiseführer steht: „Dieser Abschnitt kann Wanderern mit Höhenangst Probleme bereiten“. Kann, muss aber nicht. Wir haben die Wanderung genossen und haben uns im Anschluss daran im Resort mit einem leckeren Abendessen verwöhnen lassen.

Porto Santo

Porto Santo
Ab Donnerstag, 14. August, ausschlafen und dann Inselerkundung zu Fuß. Vom Yachthafen bis zum Zentrum ist es eine knappe halbe Stunde zu Fuß. Die Ortschaft Via Baleira ist überschaubar. In der Ortsmitte der Largo do Pelourinho (Dorfplatz), die alte Kirche aus dem 14. Jahrhundert, dahinter die Casa Colombo. Hier soll Christoph Kolumbus angeblich einige Jahre gelebt haben. Neben der Kirche Restaurants, Bars und Cafés. In der Casa Colombo und im Nachbarhaus befindet sich ein kleines Museum. Es zeigt einen in den Boden eingelassenen alten Kornspeicher (sieht aus wie ein tiefer Brunnen), Silbermünzen und Gegenstände aus dem vor Porto Santo gesunkenen holländischen Schiff „Sloot Ter Hooge“ sowie die Geschichte der spanischen und portugiesischen Entdeckungsfahrten in Bildern. Weitere fußläufig erreichbare Sehenswürdigkeiten wie den alten Schiffsanleger „Cais Velho“, den Strand und die vom Dumont empfohlene Kneipe Baiana (würde ich jetzt nicht wirklich weiterempfehlen) sind schnell abgehakt. Am Urlaubstag zwei ist Nationalfeiertag in Portugal, der 15. August, Mariä Himmelfahrt. Wir gehen wieder zu Fuß ins Stadtzentrum um zu sehen, ob hier einige Festivitäten stattfinden. Außer Touristen sehen wir nichts und deshalb beschließen wir im Touristenprogramm mitzumachen und buchen uns für die Inselrundfahrt mit dem Cabriobus ein. Der Bus fährt innerhalb 3 Stunden nahezu die komplette Insel ab, teilweise haarsträubende Schotterpisten hoch zu schönen Aussichtsplattformen, den letzten drei Getreide-Windmühlen (Miradouro da Portela), Pico do Castelo, Ponta da Calheta (westl. Inselende) und am Flugplatz vorbei. Die NATO hat auf der Hochebene einen riesigen Flugplatz gebaut um Militärflugzeuge auf Transatlantikflügen auftanken zu können. Aktuell ist der Flughafen der zivilen Nutzung übergeben. Am Samstag lassen wir es sehr gemütlich angehen und versuchen nachmittags den ausgewiesenen Weg um die Ostspitze der Insel herum zum Porto dos Frades zu finden. Nichts zu machen, der Weg endet an einer unüberwindbaren Schlucht. Aufgrund der Erosion haben sich überall Schluchten gebildet und es besteht akute Steinschlaggefahr. Wir drehen um und laufen am Sandstrand entlang in Richtung des westlichen Inselendes. In einer Strandbar stärken wir uns für den Rückweg zum Schiff und beschließen die letzte Strecke nicht am Strand sondern an der Straße entlang zu gehen. Um auf die Straße zu gelangen müssen wir aus einer Hotelanlage ausbrechen! Vom Strand her ist die Anlage ohne Probleme aus zugänglich, aber auf die Straße zu kommen ist unmöglich. Wir können ja schließlich nicht über die Terrasse, durch den Speisesaal und die Rezeption des Hotels laufen. Deshalb nehmen wir das Gartentor und den Gartenzaun des Fußballplatzes und steigen aus. Wir wurden weder aufgehalten noch verhaftet. Am Sonntag dann sind wir motorisiert. Walter holt morgens um 9 Uhr die 125iger Vespa und wir düsen los. Die Hauptattraktionen haben wir ja bereits mit dem Touristenbus gesehen, aber die Ostseite der Insel, also den Porto dos Frades wollen wir schon noch sehen. Über neue Straßen erreichen wir die wilde Inselseite mit der steilen Felsküste. Wir fahren weiter und kommen am Flughafen vorbei, zum Weindorf Camacha (ich sehe in der nahen Umgebung von Camache nur keine Weinberge, sondern nur verlassene und verfallene Hütten und verwilderte und verdörrte Terrassen, auf denen wohl einst Weinreben standen). Ganz abenteuerlich wird es ab Camacha, westlich des Flughafens hört der Straßenbau auf und es gibt nur noch Schotter- und Sandpisten. Hinweisschilder gibt es schon gar nicht. Die Vespa sieht zwischenzeitlich aus wie ein paniertes Schnitzel und wir nicht besser. Einen weiteren Aussichtspunkt, den Miradouro das Flores finden wir nur durch Zufall und ebenso das Weingut Adega das Levadas. Hier gibt es in der Tat noch 1 km² Weinreben und wir testen höflichkeitshalber, weil wir mit der Vespa plötzlich mittendrin stehen, den Wein. Wäre ein superguter Sherryessig, aber es ist uns peinlich als einzige Gäste einfach so wieder zu gehen und kaufen eine Flasche Porto Santo Wein zu EUR 12,50. Das gibt bestimmt eine tolle Cocktailsauce zu frischen Meeresfrüchten. Weiter geht die Suche nach dem Miradouro Pedeira (nicht gefunden) und dem Vogelpark Quinta das Palmeiras. Im vierten Anlauf finden wir mitten in der Ödnis ein kleines Paradies mit Palmen, Papageien, Wellensittichen, Tauben, asiatischen Vögelchen, Teichen, Wasserläufen und einem Café. Der Tank der Vespa ist fast leer und deshalb fahren wir hinab ins Dorf zur Tankstelle. Die hat zu. Na dann gehen wir halt zum Supermarkt, der hat auch am Sonntag offen und holen uns frisches Gemüse, Salat und Brot fürs Abendessen.

Auf den Hund gekommen

Auflösung des Bilderrätsels
Darf ich vorstellen: Unser neuer Stegnachbar hier in Porto Santo. Franzose, genauer gesagt Mutter Deutsche, Vater Elsässer, spricht perfekt Deutsch. Mit seiner Lebensgefährtin, einer Katze und einem Hund unterwegs nach Süden.
Wir haben uns angefreundet und einen großen Anteil an dieser Freundschaft hat ihr Hund. Man spricht über dies und das, tauscht Infos aus gibt Tipps, immer ist der Hund dabei. Wir kennen nicht den richtigen Namen des Hundes, bei uns heißt er nur Rammler!? Den Namen erhielt er schlussfolgernd aus der Erzählung unseres Nachbarn.
Als unser Franzose noch „bodenständig“ in Frankreich lebte, besaß er eine schon sehr alte Hündin. Er hatte irgendwo in der Provence einen Reiterhof, weit und breit nur Natur. Das nächste Dorf war um die 5 km entfernt. Als die Hündin wieder einmal läufig war, stand „Rammler“ auf dem Gehöft und begehrte Einlass. Der kleine Kerl ist sehr intelligent und es gelang ihm, die Besitzer auszutricksen und auf den Hof zu gelangen. So blieb „Rammler“ für etwa drei Wochen auf dem Gehöft. Die Hündin wurde trächtig, musste aber noch vor der Geburt der Jungen eingeschläfert werden. Mittlerweile hatte unser Franzose die Herkunft von Rammler ausfindig gemacht und so konnte er „rückgeführt“ werden. Eine ältere Dame hatte ihn auch schon vermisst. Er lebte im nächsten Dorf bei ihr, hatte dies aber vor lauter Liebe vergessen. Die „Rückführung“ gelang aber nur für einige Stunden denn „Rammler“ machte sich sofort wieder auf die Socken zurück auf das Gehöft unseres Franzosen, wo er noch am gleichen Tag wieder eintraf. Das Ganze wiederholte sich noch fünf Mal. Immer wieder wurde „Rammler“ zurückgebracht und stand dann wenig später wieder da. Nach der fünften Autofahrt zurück ins Dorf war die eigentliche Hundebesitzerin derart enttäuscht von ihrem Hund, dass sie unserem Franzosen ganz unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie den Hund nicht mehr länger haben wollte. „Rammler“ hatte ein neues zu Hause gefunden — Ich glaube er ist wohl der einzigste Hund, der sich sein Herrchen selbst ausgesucht hat. Seit dem gehen die beiden gemeinsam Schritt für Schritt. Überall hin, der Hund kennt keine Angst vor Wasser oder Wellen, lebt mit einer über 20jährigen Katze zusammen auf dem Katamaran, ist nun über zehn Jahre alt und rennt genauso wie in alten Zeiten den Hündinnen hinterher. Ein außerordentlicher Hund mit Irokesen-Haarschnitt und Selbstbewusstsein, kein Kläffer, aber doch ein Hund der klare Kante zeigt.

Planänderung

Wir dürfen in Porto Santo bleiben! Es ist Starkwind vorhergesagt und da wollen wir ohne Not nicht draußen sein. Wir machen jetzt das offizielle Touristenprogramm. Wandern, Baden (nur ich), relaxen (Walter) und lassen uns über die Insel treiben. Ich freue mich drauf! Vielleicht lässt sich Walter dazu überreden eine Vespa zu mieten, das wäre doch ein guter Plan!

Bordalltag und Ankunft in Porto Santo

Der Bordalltag wird unterbrochen von vielen witzigen Begebenheiten. Frühstücksbrot, zur Sicherheit an der Spüle geschmiert und belegt, verlässt im Cockpit bei der ersten Welle den Teller und fliegt Richtung Walter. Käsescheibe klebt an ihm und das Butterbrot, mit der schmierten Seite nach unten, auf dem Teakdeck. Gibt schöne Fettflecken, bei allen Beteiligten. Überhaupt sieht man auf dem Cockpittisch und darunter, was es in den letzten Tagen zum Essen gegeben hat. Schöner Kringel vom Spaghetti mit Pesto, Flecken vom Wegflugsalatdressing usw. Tägliche Beweglichkeitsübung ist die Morgentoilette im Bad: Knapp zwei Liter warmes Wasser ins Becken, mehr würde drüber schwappen. Vier Einmalwaschlappen aus dem Badschrank, einhändig, weil die andere Hand benötigt wird, den Restinhalt des Badschranks vor dem Abflug zu retten. Komplett ausziehen. Zwei Waschlappen nass machen und mit Duschgel durchtränken, von oben nach unten arbeiten und ab dem Äquator den zweiten Seifenlappen nehmen. Nicht, unter gar keinen Umständen die Lappen im Wasser auswaschen, da das klare Wasser sonst unbrauchbar wird. Seifig und dreckig wegschmeißen. Unglaublich, wie dreckig die Luft selbst hier draußen ist. Jetzt selbe Prozedur mit den nassen Lappen ohne Seife um die Seife vom Körper zu kriegen, hier darf zwischendurch ausgewaschen werden. Das alles mit einer Hand, da die andere zum Halten benötigt wird. Ganz toll ist Haare waschen mit dem Kopf im Waschbecken und dem Duschschlauch in der Hand. Geht nur im kleinen Bad vorne mit geschlossener Türe. Hintern an der Türe, linkes Knie an der Toilette und rechtes Knie am Waschtischunterschrank, so verkeilt den Kopf übers Waschbecken. Das geht natürlich nicht ohne mächtige Spritzerei und Druckstellen an den beteiligten Körperteilen. Für das Komplettprogramm ist schon eine Stunde zu kalkulieren.
Essenszuereitung: Im Hafen vorkochen. Gekochte Nudeln halten sich gut im Kühlschrank. Pastasauce auch. Gestern musste frisch gekocht werden: Kartoffelgratin und Schwäbisch Hällisches aus der Dose. Kartoffeln aus dem Vorschiff kramen, in der Plastikwanne ins Cockpit reichen, am Cockpittisch sitzend (da so 2 Hände frei) schälen, unten kurz abwaschen und oben mit dem Gurkenhobel in feinste Scheiben hobeln und in die Glasform schichten. Gewürze und Sahne drüber und in den Backofen. Der Backofen nervt uns schon längere Zeit, weil er immer ausgeht. Beim Backen läuft das so, dass sich Walter auf den Boden vor den Backofen setzt und die Sache überwacht. Der Backofen geht immer mal wieder aus und es muss ab und zu die heiße Auflaufform mit den feuerfesten Handschuhen wieder aus dem Ofen rausgenommen werden (wo stellt man das heiße Teil jetzt ab?) da sonst der Backofen nicht wieder angemacht werden kann, die elektronische Zündung geht nämlich nicht. So sind wir beide voll in den Prozessen drin, ich mit den feuerfesten Handschuhen und Walter mit dem Stabfeuerzeug. Die einfachste Übung ist die Dose mit dem Fleisch aufzumachen, ins Töpfchen geben und auf der kleinen Gasflamme zu erwärmen. Ich denke, der Backofen hat seine Lebensarbeitszeit bei uns am Bord erreicht und muss ausgetauscht werden. Ist ein französisches Modell und für 5 Jahre alte Modelle gibt es keine Ersatzteile (Zündsicherung) mehr. Das Backofenthema bereits steht in einem Bericht übers Winterlager 2011/2012 drin. Beteiligt ENO, Frankreich und Bukh, Bremen.
Auch das Abspülen ist eine Herausforderung bei Seegang. Schmutziges Geschirr muss abflugsicher abgestellt werden, gespültes ins Abtropfgitter und gleich abgetrocknet und verstaut werden. Für das Geschirrspülen geht das meiste Frischwasser drauf. Das muss halt sein. Für 7 bis 10 Tage haben wir keinerlei Wasserprobleme, für längere Zeiträume müssen wir uns was überlegen. Plastikteller, Pappbecher und Wegwerfbesteck sind mülltechnisch gesehen auch keine Lösung.
Thema Plastikmüll: Unglaublich, wie viele PET-Flaschen, Plastiktüten, Styroporverpackungen im Atlantik schwimmen, hauptsächlich küstennah, aber auch hier draußen. Der Plastiktütenwahn in den Supermärkten in Spanien und Portugal ist unglaublich. Die Kassiererin packt in unglaublicher Geschwindigkeit die Einkäufe nebenbei in zig Plastikbeutel. Schwierig ihr zu erklären, dass die Sachen alle uneingetütet in den Rucksack und die Einkaufstasche dürfen. Wir haben mittlerweile bereits ein Mülltütenstauproblem.
Den Text habe ich unterwegs im Cockpit geschrieben und nun sind wir sicher im Hafen von Porto Santo angekommen. Leider läuft zur Zeit irgendeine Regatta, sodass wir morgen schon wieder aus dem Hafen raus müssen. Als Alternative können wir im Hafen ankern und ab Sonntag Abend wieder an die Anleger gehen. Walter hat entschieden, dass er das Beiboot nicht aufpumpen will und wir deshalb gleich morgen weiter nach Madeira segeln und dort einige Tage verbringen werden – solange es uns gefällt. Wir kommen aber anschließend wieder nach Porto Santo zurück.

4. Tag auf dem Atlantik

Kurz vor dem Abendessen geht der Wind auf 8 -10 Knoten aus NNE zurück. Unsere Kurslinie ist 220 Grad, also fast Südwest. Die Windstärke reicht jetzt schon wieder nicht zum Segeln. Die aus Südwest anrollende Dünung schaukelt das Schiff so auf, dass wir mindestens 15 Knoten Wind benötigen, um genügend Fahrt im Schiff zu haben. Dann laufen die Wellen einigermaßen harmlos unter dem Heck durch und die Hin- und Herschaukelei –nicht auf und ab – hält sich in Grenzen. So also muss uns wieder der Otto mit 6 Knoten durch die Nacht schieben. Die Wettervorhersage hatte uns für Montag und Dienstag 4-5 Beaufort aus N bis NE, Böen mit 6 Beaufort vorhergesagt. An der portugiesischen, spanischen und marokkanischen Atlantikküste war sogar Starkwind vorhergesagt, ich hoffe, dass es dort auch 2 Beaufort weniger waren, denn zumindest an der portugiesischen Küste werden in diesen Fall die Häfen geschlossen werden, da die Einfahrt wegen den hohen Wellen zu gefährlich ist. Alle Segler, die wir seit A Coruna in den verschiedensten Häfen wieder getroffen haben, sind noch an der portugiesischen Küste unterwegs. Viel Glück euch Allen und immer eine Handbreit „Porto“ in der Bilge, wahlweise auch Sherry.
Ja Marokko, also Afrika, liegt mittlerweile links von uns, wir sind „Jenseits von Afrika“.130 Seemeilen bis Porto Santo, Madeira. Heute übernimmt Walter die Hundewache von 1 Uhr oder 2 Uhr an bis 6 oder 7 Uhr, je nachdem, wann ihm das Gesicht einschläft. Die ersten drei Nächte habe ich die Hundewache gemacht, da ich vor 12 Uhr überhaupt nicht schlafen kann und nach 1 Uhr auch nur bedingt. In meinem riesigen Doppelbett in der Achterkoje zu schlafen geht schon mal gar nicht. Ich würde nur von einem Rand zum anderen rollen. Querschlafen, sodass das Kopfkissen an der Backbordwand und die Füße sich an der Steuerbordwand abstützen geht auch nicht. Ich bin zu kurz dafür. Und außerdem wären immer abwechselnd der Kopf oder die Füße im Wellental und das könnte mein Gleichgewichtssinn wohl dann doch nicht verkraften. Wir schlafen momentan abwechselnd auf der Backbord-Salonbank, 60 Zentimeter, das geht, solange man/frau sich nicht umdrehen will. Einzig die Geräusche stören. Der Sound vom Dieselmotor (wenigstens monoton gleichmäßig), das Scheppern vom Backofenrost (jetzt ausgestopft mit Duschtuch), das pfeifende Gequietsche unter der Spüle (3 Nächte lang nicht gefunden), das Umherfliegen der Hafenhandbücher (eigentlich im Bücherschapp durch Metallstange gesichert, jetzt noch ein Buch dazwischen gerammt, dass sich nichts mehr bewegt), das Klappern der Kaffeetassen in der Spüle… Wo hin sonst mit dem dreckigen Zwischendurchgeschirr? Eine Mütze Schlaf bekomme ich immer.
Die Nachtwachen sind nicht anstrengend. In der Nacht vom 11. auf den 12. August habe ich unzählige Sternschnuppen gesehen. Alle sind aus der Richtung der Plejaden* ins Wasser gefallen. Bei einigen war ich sogar mit dem Wünschen so schnell, dass viele gute Wünsche nach Hause zur Familie geschickt wurden.
*Plejaden: Sternenhäufung in der Nähe des Himmels-W (Cassiopeia), aktuell von meiner Position aus im Nordosten, in Laufe der Nacht nach Nordwest drehend. Ich saß mit dem kleinen Sternenbuch im Cockpit und habe versucht einige Sternbilder zu erkennen. Nur der helle Vollmond und die vielen Wolken haben mein Vorhaben sabotiert. Ich bleibe dran. Es gab auch hallo Wach Momente: Bei einem Rundumblick auf einmal ein neues weißes Licht hinter mir am Horizont – Mist, Hecklicht vom Frachter, den ich nicht gesehen hatte? Oder Dampferlicht von einem Segler hinter mir? Das kommt aber näher, wird größer? Es war ein heller Stern, der im Nordosten aufging und langsam am Horizont nach oben stieg. Wie der shocking Stern heißt, habe ich nicht rausgefunden.

Unterwegs nach Porto Santo

Am Samstag, 09.08.2014 sind wir um 9:15 Uhr aus Figuera da Foz weg. Die Ausfahrt aus dem Fluss war unproblematisch, da um 8:30 Uhr Ebbe war und wir deshalb nicht mit bis zu 6 Konten Ebbstrom (Fluss und ablaufendes Wasser) zu tun hatten. Auch der Schwell, der auf die Flussmündung stand war gering. Gering war auch der Wind, leider den kompletten Samstag über. Als der Wind auffrischte blies er uns aus SW direkt auf die Nase. Zu wenig Wind und zu weite Strecke zum Aufkreuzen. Bis Sonntag gegen 7 Uhr sind wir mit dem Motor gefahren. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war es dicht bewölkt, sodass wir den Vollmond kaum sehen konnten. Der Wind drehte auf West und wir konnten für kurze Zeit mit Großsegel und Genua fahren. Später im Laufe des Sonntags mussten wir das Großsegel wieder bergen und den Motor mitschieben lassen. Schwachwindig und kreuz und quer laufende Welle. So ging es in die zweite Nacht. Nach dem Abendessen habe ich mich hingelegt und versucht eine Mütze Schlaf zu bekommen – ist gar nicht so einfach mit dröhnendem Motor. Die Hundewache von 2 Uhr bis 7 Uhr habe ich übernommen und Walter hat sich hingelegt. Wir haben vereinbart, den anderen schlafen/ruhen zu lassen sofern man/frau sich noch fit fühlt. Es war eine helle Vollmondnacht und gegen 5 Uhr morgens kam im Osten das Sternbild „Orion“ über den Horizont. Nach 7 Uhr zeigte sich die Sonne und nach einem kurzen Frühstück hat Walter die Schicht übernommen. Den kompletten Montag war es ebenfalls schwachwindig, jedoch aus der richtigen Richtung, aus Nordnordost. Wir laufen aktuell nur mit der Genua und müssen jedoch vor dem Wind kreuzen, da unser Kurs 220 Grad sein sollte. Die nach SSW setzende Welle macht uns das Leben an Bord schwer, lange Atlantikdünung ist anders. Ein so ein blöder Hack ist das, kurze Welle und zwischendrin noch querlaufende Windsee. Die Sunrise wird ganz schön hin und hergeschoben und im Wellental fällt die Genua zusammen um sich mit einem lauten Blobb wieder zu füllen, an den Schoten zu zerren und das gefühlte 100000mal am Tag und in der Nacht. Gestern nach dem Abendessen war mal wieder kurz Alarm an Bord. Walter ist grad eh nicht so besonders gut drauf, er hat sich in Figuera da Foz das Gesicht und die Lippen verbrannt, die jetzt aufgeplatzt sind und höllisch brennen. Er hat auf dem Kartenplotter die Kurslinie gecheckt und dabei gesehen, dass rechts oben das AIS-Symbol (automatisches Schiffsidentifizierungssystem) rot ausgestrichen war und no ais dabei stand. In die Nacht ohne AIS – er war mächtig sauer. Allheilmittel: Alles ausschalten, warten, Navigationsinstrumente, UKW Funk, AIS und Kartenplotter wieder einschalten. ES ging dann wieder und vermutlich war es so, das im weiten Umfeld in der Tat kein Schiff mit AIS Signal unterwegs war. Gestern Nacht hatte ich gerade mal zwei Frachter, nach Bremerhaven und Stade, sowie einen Kreuzfahrer nach New York auf dem Schirm. Segler habe ich schon lange keine mehr gesehen. Nun geht es in die dritte Vollmondnacht und eine weitere wird folgen, denn wir haben noch 220 Meilen vor uns. Wir sind nicht besonders flott unterwegs, da wir aktuell zwischen 10 und 14 Konten Wind haben.

Seglerlatein

Seglerlatein ist deckungsgleich dem Jägerlatein. Man kann die Geschichten glauben oder auch nicht.
Eine Geschichte (die ist wahr) berichtet von einem Segler, der von einer ARC-Yacht, mitten im Atlanik, gleich zwei Mal über Bord sprang und, Gott sei Dank, beides Mal von seinem Mitsegler wieder auf-und eingefischt wurde. Er wurde zwar dann in seine Kabine eingeschlossen, was ihn aber nicht daran hinderte, weiterhin aussteigen zu wollen. Am Ende wurde er von einem herbeigerufenen Kriegsschiff abgeborgen und vor sich selbst geschützt.
Die letzten Tage auf See, aber auch schon die Überfahrt über die Biskaya haben mich im Geiste diesem Manne doch etwas näher gebracht. Um dies zu erklären muss ich etwas ausholen. Stellt euch mal vor ihr würdet in einem Straßenkaffee bei einem Glas Tee sitzen und irgendwoher aus einem Geräuschgewirr nur an der Art der Lautstärke den Duktus eine bekannte Stimme erkennen „Da sitzt doch irgendwo der Helmut“ , oder die Kirchenglocken in eurer Gemeinde. Jeder kennt den Klang die Abfolge der einzelnen Schläge, jeder weiß die Uhrzeit ohne hinzuschauen. Oder der Rasenmäher von meinem Nachbar. Ich würde den aus tausenden heraushören und ich würde wissen, wenn ich ihn höre, es ist Samstagmorgen 8:00 Uhr und der Herbert ist am Mähen. Diese Alltagsgeräusche erzeugen Bilder in unseren Köpfen, diese heben uns in eine andere Ebene nach der wir handeln. Wir sammeln diese Alltagsgeräusche und je älter wir werden, umso mehr Datensätze haben wir zur Verfügung. Bei mir sind es jetzt auch schon einige.
Auf einer dieser Nachtwachen auf dem Weg nach Porto Santo (Madeira Archipel) hörte ich nun ein Geräusch, das irgendwo am Schiff entstanden war. Im Mast, an den Wanten, am Geräteträger, von irgendwo hatte ich dieses Geräusch aufgenommen, welches mein Hirnschmalz erreichte und es dieses routiniert kühl und sachlich als ein Alltagsgeräusch identifizierte. Eine weitere Analyse ergab: Ein in weiter Entfernung fahrender Rettungswagen mit Sirene!!! Wie Bitte???? Ein in weiter Entfernung fahrender Rettungswagen, HIER auf dem Atlantik. 200 nm von der nächsten Landmasse entfernt? Womöglich mit Blaulicht? Hier zeigt sich das Problem, denn die gesammelten Datensätze stimmen nicht mehr mit der Realität überein, wir befinden uns in einer anderen Situation. Fast wäre ich dieser Fehleinschätzung erlegen, doch dann klatschte die nächste Atlantikwelle an den Rumpf der Sunrise und führte mich wieder ins richtige Bild. Segler sind halt doch etwas verrückt.
Anmerkung: Bei Überfahrten gilt auf der Sunrise grundsätzlich die 00,0 Promille Grenze!!!