Normandie

Wir sind im Hafen Cherbourg Chantereyne und haben beschlossen einen Mietwagen zu nehmen und die Normandie zu erkunden. Seit Dieppe verfolgt uns der 70-jährige Jahrestag des D-Days (06.06.1944). Der D-Day ist der Tag, an dem die alliierten Truppen in der Normandie angelandet sind und Frankreich vom Hitler- und Naziregime befreit haben. Dieser Jahrestag wird überall groß gefeiert. Wir haben ein bedrückendes Gefühl, das sich nicht so recht beschreiben lässt, eine Mischung aus Scham und schlechtem Gewissen. Da wir beide nicht die Asse in Geschichte waren, sind wir da ziemlich übel rein getappt. Als Deutsche erkannt zu werden, ist in diesen Tagen nicht sehr angenehm. Ich versuche mein bestes, indem ich die Fragen in mittelmäßigem Schulfranzösisch stelle, auch die Bestellung im Café oder Restaurant, aber die Antwort der Franzosen erfolgt in Englisch oder wenn sie merken, dass wir Deutsche sind, auf Französisch.
Unsere erste Station auf der Normandie-Rundfahrt ist Bayeux, eine hübsche, fast mittelalterlich anmutende Kleinstadt mit der unvermeidbaren Kathedrale. Die Stadt könnte als Filmkulisse für einen Film, der 17. Jahrhundert spielt, herhalten. Nur aktuell sind alle Fenster wahlweise mit der amerikanischen oder kanadischen Flagge bemalt, auch Plakate mit Motiven von Fallschirmspringern und den angelandeten Schiffen sind auf allen Flächen zu sehen. Aus fast allen Fenstern hängen die Flaggen der Alliierten, über den Straßenzügen hängen Flaggen, manchmal ist sogar die europäische Flagge dabei. Bayeux war wohl die erste französische Stadt, die befreit wurde und General de Gaulle hat hier eine historische Rede gehalten. Wir fahren weiter nach Caen. Caen ist eine größere Stadt (auch D-Day-lastig), hat ebenfalls einen historischen Stadtkern mit dem Chateau de Caen, gotische Kirchen, eine kleine alte Innenstadt, die jedoch erst am Abend zum Leben erwacht. Unser nächstes Ziel ist der mondäne Badeort Deauville – könnte Nizza oder Cannes sein. Wirklich edel! Nur Autos der absoluten Oberklasse stehen hier rum. Abgedrehte Tanten mit toupierten Pudeln patroulieren durch die Straßen – wir mischen uns unter. Am ersten Straßencafé bekommen wir das 1:0 gegen Portugal durch den Elfmeter von Müller mit. Die WM in Brasilien ist bislang ziemlich spurlos an uns vorbei gegangen. Als wir zum 2. Mal an diesem Café vorbeilaufen, macht gerade Hummels das 2:0 – ich sag´ noch, da müssen wir nochmals vorbeilaufen, dann fällt das 3:0 und auch das 4:0, aber wir haben es erst mitbekommen, als wir bereits in Honfleur waren. Unsere nächste Station also Honfleur, gegenüber ist die Hafenstadt Le Harve. Hier mündet die Seine in den englischen Kanal. Honfleur war früher eine Künstlerkolonie, das ist heute noch zu spüren. Sehr sehenswert, jedoch wie alles Sehenswerte von Touristen überschwemmt – selbst in der Vorsaison. Mittlerweile ist es spät geworden und wir fahren zurück nach Cherbourg, heute sind wir über 600 km mit dem Auto unterwegs gewesen.
Für die Normandie stehen die 3 „C“: Cidre, Calvados und Camembert. Cidre ist Apfelmost und Calvados wird aus Apfelmost hergestellt, nur ich habe keinen einzigen Apfelbaum gesehen! Vorgestellt habe ich mir die Apfelgegend in etwa so wie die Bodensee-Region. Am ganzen See entlang, bis ins Hinterland, Apfelplantagen soweit das Auge blickt. Hier in der Normandie gibt es wirklich viel Landwirtschaft, Kühe, bzw. Kuhmilch für den Camembert und die unschlagbare Creme fraiche – aber keine Apfelbaumplantagen. Keine Ahnung woher die hier den Grundstoff für die ersten 2 C´s nehmen. Auf jeden Fall ist der Cidre durchgefallen, der schmeckt uns nicht so richtig, der Calvados ist hammerteuer (als Digestiv in Honfleur 10,50 €/Gläsle) also auch durchgefallen, bleibt der Original-Camembert (schmeckt lecker, riecht streng) er wurde von Walter nur zum openair-Essen an Deck freigegeben.

Cherbourg

Cherbourg und über die Reling beflaggt!
Nicht dass wir irgend einen Grund zum Feiern hätten, vielleicht ein kleines Etappenziel, denn die großen Seestrecken sind vorerst geschafft. Gestern waren es noch mal 71 nm. Das ist unter normalen Umständen nur schwer machbar, aber in diesem Seegebiet ist der Strom ein großes Thema und verlangt viel Aufmerksamkeit. Wer zur rechten Zeit unterwegs ist, bekommt durch den Schiebestrom etliche Meilen geschenkt. Doch der schwierigste Teil der Strecke steht uns noch bevor. Die Kanalinseln und vor allem Cap La Hague. Hier steht der Strom mit bis zu 6Kn. Ist man zur falschen Zeit da, fährt man auf der Stelle oder im schlimmsten Fall sogar zurück.
Heute war mal wieder Waschtag! Die Marina hat 5 Waschmaschinen und zwei waren heute nur für uns. Dem entsprechend sieht die Sunrise aus wie Klein-Italien.

Le Harve Stadtbesichtigung

Eine Stadt mit wenig Aufregendem oder gar Schönem. Eine Hafenstadt die im zweiten Weltkrieg von den alliierten Truppen fast völlig in Schutt und Asche gelegt wurde, um den deutschen Atlantikwall zu brechen. Dies hat zur Folge, dass es keinen historischen Kern gibt, alle Bauten stammen aus den 50igern und später. Die heutige Innenstadt wurde fast komplett von „Perret“ entworfen und gestaltet. Er gehörte zu den Gründervätern der Stahlbetonbauweise und so sieht Le Havre dann auch aus. Rechter Winkel, Quader und Kubus alles sehr formal und aufgeräumt, mit breiten Boulevards gesäumt von hohen Betonbauten. Architekt Perret hat aber nicht nur Wohn- und Geschäftshäuser gebaut, sondern auch eine außerordentlich interessante Kirche. Die Église St. Joseph ist eine 107 Meter hohe Stahlbetonkirche, ganz im Geiste des Herrn Perret gebaut. Interessant wird diese Kirche nun dadurch, dass über 1000 Glasbausteine in unterschiedlichen Farben verbaut sind und so dem Inneren der Kirche eine außergewöhnliche Atmosphäre verleihen. Der Altar steht direkt unter dem 107m hohen Turm und überall wird das Licht durch die farbigen Gläser verändert und gestreut.

Le Havre

Donnerstag: Reisetag von Dieppe nach Le Harvre
Aufgrund der Distanz von 61 Meilen und rund 10 Stunden Fahrtzeit ist uns die Tide und der Strom ziemlich egal. Entweder wir haben vor Dieppe Gegenstrom oder vor Le Havre. Die Windprognose ist so, dass es zum Segeln reichen sollte, tut es aber nicht. Gut die Hälfte der Strecke muss der Motor wieder mit schieben. Eine Stunde nach Niedrigwasser sind wir vor der Hafenansteuerung Le Havre, fast noch Stillwasser und somit wenig Querströmung vor dem Hafen, also ideal für uns zum Reinfahren. Es kommt eine Englandfähre und ein Frachter raus, eine Englandfähre und 2 Frachter wollen ins gleiche „Loch“ wie wir. Die Fähre und der erste Frachter überholen uns. Der zweite Frachter ist noch weit weg, zuerst tuckert er mit knapp 4 Knoten (laut AIS) auf den Hafen zu, demnach hätten wir fast 30 Minuten Zeit, bis er an der Hafeneinfahrt ist. Aber der Kerl hält sich nicht an das, was die Elektronik uns berechnet! Er beschleunigt auf 17 Konten und kommt förmlich hinter uns angepflügt. Wir fahren zwar knapp außerhalb vom Fahrwasser an den grünen Tonnen entlang, aber von so einem Monster knapp vor der Hafeneinfahrt überholt zu werden ist uns doch nicht geheuer. Das sieht wohl der Hafenkapitän auch so und düst mit seinem kleinen Boot an, schaltet ein gelbes Blinklicht an, winkt und macht unverständliche Zeichen. Nicht dass er uns anfunkt, er sieht unsere Kennung ja auf dem AIS, nicht dass vorne an der Hafenmole eine „Ampel“ steht, wie an den anderen Häfen zuvor – nichts, gar nichts! Da auch im Hafenhandbuch nichts von Anmelden vor dem beabsichtigten Einlaufen steht, hatten wir die Hafenbehörden auch nicht angefunkt. Nicht schön, dass grad Ebbe war und sehr unpraktisch auch, dass neben der Hafeneinfahrt links ein Flach mit 1,3 m ist. Aber wir müssen weg, das Monster naht! Wir sind kurz vor dem Flach aus der Gefahrenzone raus und laufen jetzt auf der anderen Fahrwasserseite wieder auf Gegenkurs! Sicher ist sicher, letztendlich sind wir gut im Hafen angekommen (nervig war es trotzdem) und finden auch gleich einen guten Liegeplatz am Gästesteg „O“. Begrüßt werden wir von der Crew der „Swantje“, die wir in Boulogne sur Mer sowie auch in Hooksiel (im Winterlager) schon gesehen haben.

Hafentag in Dieppe

Als wir gestern hier in Dieppe eingelaufen sind, hatte ich ein ähnliches Gefühl wie ich es in Boulogne sur Mer hatte. Wieder war Niedrigwasser, das bedeutet hier, dass man in Hafenfestungen einläuft wie ich zuvor nur selten sah. Wir haben hier einen Tidenhub von ca. 7 – 8 Metern. So fährt man dann bei Ebbe in tiefen stark befestigten Rinnen in ein Hafenbecken, meist ganz bis ans Ende der Hafenanlagen. Dieses Hafenbecken ist aus massiven Mauern oder gar aus eisernen Spundwänden und sehr unansehnlich, weil es mit allerlei Schlick, Algen und Muscheln bewachsen ist. Da sieht man eher Tristesse als Schönes und unangenehm riechen tut es dazu.
Heute Morgen ist nun alles anders. Hochwasser und alle Schiffe drei Etagen nach oben gefahren. Man kann auf die Promenade sehen Menschen, Geschäfte, Cafés und Bars. Aus braun/grau ist Farbe geworden, Dieppe zeigt sich als schöne, lebendige Stadt. Wir machen einen Stadtbummel und versorgen uns in einigen kleinen Geschäften mit dem was so fehlt. Einkaufen in einem riesigen Biomarkt! In der Poissonerie erstehen wir ein halbes Kilo Crevetten, im marchand des quatre-saisons den Salat und eine Zitrone und im Carrefour die Milch. Haben wir wirklich alles gekriegt und auch ein freundliches bon jour dazu.
Randnotiz: Unsere kleine Kompaktkamera, die wir ja fast ersäuft haben, hat heute nun endlich den Dienst bei uns quittiert. Die Reispackung (siehe Bericht A-dam 12) brachte sie zwar wieder zum Leben, aber ein kleiner Teil der Funktionen konnte ab da nicht mehr ausgeführt werden. Dies störte uns nicht weiter, da es sich nicht um Funktionen handelte die das Fotografieren an sich betraf. Nur Features wie Bildbearbeitung oder das Anzeigen von bereits vorhandenen Aufnahmen konnte die Kamera nicht mehr. Nun heute wollte sie dann auf dem Display auch nichts mehr anzeigen. Es können somit nur noch „ Blindaufnahmen“ gemacht werden und das geht gar nicht. Mein Tipp sollte euch mal so was passieren. Die Kamera wirklich in eine Tupperdose mit viel Reis geben und auf keinen Fall die Kamera einschalten. Nicht ungeduldig werden und die Kamera vor Ablauf von min. 3 Tage aus der Dose nehmen. Denn ist die Kamera nicht wirklich trocken, erzeugt man beim Einschalten auf Platinen, Chip und in Schaltern die noch Restfeuchte haben, Kurzschlüsse. Dann ist sie eben hin!

Dieppe

Boulogne sur Mer – Dieppe 55 nm
Beide Häfen sind tidenunabhängig! Das ist sehr gut für uns und unsere Schlafgewohn-heiten. Einzig der Strom muss beachtet werden, wenn man vorankommen will. Aber bei rund 10 Stunden Fahrzeit bleibt es nicht aus, dass man Gegenstrom hat. Wir legen um 8:45 ab, das reicht. Die Windprognose sagt WSW auf West drehend voraus, jedoch nur 3 Bft. Aus Boulogne raus machen wir einen Holeschlag unter Motor und setzen dann das Großsegel und die Genua. Beide Segel stehen schlecht, weil einfach zu wenig Wind ist und auch noch aus SSW. Wir lassen den Motor mit 1000 Umdrehungen mit schieben. Auf den ganzen 55 Meilen lautet die Devise: Motor aus, Segel trimmen, Motor an und Genua weg, Genua setzten und Motor aus, Motor an und beide Segel weg… So vergeht die Zeit schnell und unterwegs machen wir noch ein Fotoshooting mit einer neuen holländischen Hallberg-Rassy 34.2, die uns überholt (unter Motor). Aber sie ist die ganze Zeit vor uns oder parallel zu uns gesegelt und war unter Segel zugegebenermaßen schneller unterwegs als wir. In Dieppe angekommen ziehen wir die Fotos auf einen USB Stick und Walter macht sich mit den Fotos auf zu den Holländern. Die freuen sich mächtig. Ich koche derweil unser Abendessen, da es mittlerweile bereits 20:30 Uhr geworden ist. Unterwegs war es heute mal wieder so scheußlich kalt und auch nass, dass wir beide Skiunterwäsche unter den Segelklamotten getragen haben und erst in Hafennähe uns peu á peu aus den Klamotten schälten. Hier im Hafen hat um 20 Uhr noch die Sonne vom Himmel geknallt und es war angenehm warm. Die Möwen hier sind echt clever, die hacken solange auf dem Verschluss der Frischwasserleitung rum, bis sich der Hebel umlegt und Frischwasser raus sprudelt. Ist das die Rache am Hafenmeister, weil der sie immer verscheucht?

Pfingstsonntag

Ausschlafen und ein spätes Frühstück. Dabei haben wir beschlossen, dass wir zum Plage von Boulogne spazieren.Wir hatten gestern bei der Einfahrt Strandsegler gesehen, die dort mit ihren besegelten Dreirädern mit unglaublichem Speed über den Strand gerauscht sind. Stoff für ein neues Video! Ausgerüstet mit der GoPro, einem Stativ und geladenen Ersatzakku, sind wir los marschiert. Immer an der Promenade entlang. Ich hatte schon eine leise Vorahnung, denn es war ja Pfingstsonntag und der Wind hatte deutlich nachgelassen. Von Strandseglern weit und breit nichts zu sehen, die Dreiräder waren alle schön hinter einem Verschlag eingesperrt. Nun, dann machen wir eben einen ausgedehnten Spaziergang immer am Wasser entlang. Zunächst ging es eine Anhöhe hinauf, kurz außerhalb von Boulogne entdecken wir zwei Fußballfelder auf denen das Turnier Frank Ribery stattfindet. Wusstet ihr das Frank Ribery in Boulogne sur Mer geboren und aufgewachsen ist? Ist auch völlig unwichtig, der spielt ja bekanntlich beim … Weiter ging es an der Steilküste entlang, mit atemberaubendem Ausblick bis an die englische Küste. Unser Spaziergang endet im nächsten Dorf nördlich an der Küste. Wimereux ist ein sehr schöner Küstenort mit einer schönen Promenade (€ 6,50 für 0,33 l Bier) und sehr viel Badebetrieb, malerisch in einer Bucht. Gegenüber die englische Küste, zum Greifen nahe. Unser Pfingstsonntagsspaziergang, zwei Stunden hin und 1,5 Stunden zurück, genug Bewegung.

Ups! Und dann Boulogne sur Mer

Heute 8:50 Brückenöffnung in der Calais Marina. Wir laufen in den Vorhafen vor der Marina und drehen gleich mal einige Warteschleifen, weil der Fährverkehr die Ausfahrt blockiert. Berufsschifffahrt hat absoluten Vorrang, was auch völlig in Ordnung ist. Wir haben heute nur eine kurze Strecke vor uns: Um das Cap Gris Nez rum nach Boulogne sur Mer. Es kommt wahrhaftig auf eine Stunde früher oder später nicht an. Wind: Fehlanzeige. Wir setzen zwar Großsegel und Genua, sehen aber ein, dass 1,5 kn Fahrt nicht wirklich zielführend sind. Das Groß kommt wieder weg, die Genua bleibt stehen, da leichte Brise von achtern. Der Strom scheibt mit und der Otto (Motor) auch. Vor Calais findet eine Fotosession statt: Ein holländischer Traditionssegler mit 3 Masten, hat alle Segel drauf, die er setzen kann und ein Hubschrauber steht über und/oder neben ihm und macht wohl Fotos (für den neuen Charterprospekt?). Das mag aber die Calais Coastguard und die Politie überhaupt nicht! Zumal der Großsegler fast im Fahrwasser dümpelt. Ein Schnellboot der Politie kommt angerauscht und geht am Großsegler längsseits. Der Hubi hat sich wohlweislich schon mal von Acker gemacht. Irgendwie werden die Kameraden sich geeinigt haben, denn die Politie düst wieder ab und nimmt sich den Frachter „Alcatel Lucent“ vor – und das am Samstag! Uns verschonen sie. Wahrscheinlich hat die französische Polizeigewerkschaft Samstagszuschläge ausgehandelt!
Wir haben Cap Gris Nez schon fast querab, als vor uns eine kohlrabenschwarze Wand steht. Der Wind dreht um 90 Grad und nimmt stetig zu und wir rollen die Genua nach und nach ein, zuletzt ganz weg – und das ist auch gut so, weil wir volle Lotte in die Regenfront rein fahren. Für ca. 45 Minuten bläst es aus vollen Rohren, in der Spitze 35 kn. Die Sunrise hat einen starken Motor und wir fahren mit gemäßigter Drehzahl gegenan. Es ist mal wieder Waschmaschine angesagt, was auch wirklich von Nöten war, denn die Möven in Calais hatten uns richtig vollgeschissen. Ist jetzt alles weg, sogar die feste Scheibe über dem Niedergang ist wieder Möwenscheiß frei. Immer alles positiv sehen! Die Ansteuerung von Boulogne sur Mer ist völlig unproblematisch, zwar ist der nördliche Wellenbrecher zum Teil weggebrochen und unter Wasser, aber das steht alles im Cannel Pilot drin und wer lesen kann ist wie immer klar im Vorteil. Um 14 Uhr liegen wir bereits in der tidenabhängigen Marina (kein Problem mit dem Tiefgang, wir haben Nippzeit und da steht eh noch etwas mehr Wasser. Die 2,7 m gemäß Hafenhandbuch haben wir locker unterm Kiel – jedoch nur an den ersten 2 Stegen. Der hintere Teil fällt trocken.) Die Kosten für den Liegeplatz sind im Rahmen, Stromanschluss, Duschen ohne Duschmarken und freies Wlan inkludiert. Einzig, es stinkt zeitweise tierisch nach Fischabfall, da gegenüber die Berufsschiffer anlegen, ihren Fang ausnehmen und den ganzen Abfall ins Wasser spülen. Natürliche Entsorgung und Wiederverwertung, kann man nicht meckern.
Am frühen Nachmittag machen wir uns auf zur Stadtbesichtigung. Riesiger Unterschied zu Calais, die Stadt lebt. Die Straßen sind bevölkert, Hochzeiten mit lärmendem Hubkonzert finden statt. In einer der Kirchen übt ein Organist für den Gottesdienst an Pfingsten. Wir sind von der Akustik und dem Spiel des Organisten in der alten (modrig riechenden) Kirche so beeindruckt, dass wir längere Zeit verweilen. Die alte Stadt Boulogne ist sehr schön, auf einem Hügel und umgeben von einer Stadtmauer, mittig ist auch der Dom. Wir gehen kurz rein, aber gleich wieder raus, weil im!!! Dom ein Touristenshop ist. Hallo, Katholische Kirche, was soll das denn! Wo bleibt da die Ethik? Auf dem Rückweg kaufen wir beim Carrefour Supermarkt die fehlenden Lebensmittel nach und kochen an Bord ein leckeres Ratatouille mit Reis. Der Abend klingt mit französischem Rosé (Elke) und Alter Notar (Trollinger Lemberger vom Rilling aus Cannstatt) für Walter, aus.

Vive la France

Vive la France – bonjour Calais
Heute um 9:00 macht der Schleusenwärter für uns 2 Brücken auf und eine Schleusung nach draußen. Unser Tagesziel ist Calais. Um 19:40 ist Hochwasser in Calais und die Brücke vor dem Jachthafen öffnet 2 Stunden vor bis 2 Stunden nach Hochwasser jede Stunde. Für die 55 Meilen müsste das gut passen. Die Wetterprognose ist gut, kein Regen und Wind aus Ost, der Stromatlas sagt mitlaufenden Strom bis 18 Uhr voraus. Als wir draußen sind, kommt der Wind aus Nord und so schwach, dass wir über 3 Stunden den Motor mitlaufen lassen, damit wir überhaupt von Fleck kommen. Danach wird die Genua ausgebaumt, das heißt Walter muss mit dem unhandlichen langen Spibaum auf dem Vorschiff rumturnen, die Genuaschot catchen, einhängen und den Spibaum fixieren. Hierdurch wird gewährleistet, dass die Genua (großes Vorsegel) nicht bei jeder Welle von hinten flappt und das ganze Rigg durchschüttelt, was echt nervig ist und auch aufs Material geht. So kommen wir mit Unterstützung des Tidenstroms doch noch recht gut voran. Ab 14 Uhr nimmt der Wind kontinuierlich bis auf 5 Beaufort zu. Die letzten 5 Meilen müssen wir den platten Vorwindkurs verlassen und auf Halbwindkurs gehen. Da wir noch die große Genua stehen haben und die Welle jetzt von der Seite kommt legt sich die Sunrise immer mal wieder gut auf die Seite. Im Vor- und im Achterschiff wird gut durchgemixt, denn alles, was nicht flugsicher fixiert ist, fliegt auch. Im Salon ist ja immer schön aufgeräumt, nur der dicke Reeds Nautical Almanach fliegt vom Tisch. Unser Timing ist trotz der Dümpelei in den ersten 3 Stunden perfekt. Wir segeln direkt bis vor die Hafeneinfahrt, erst hier (außerhalb vom Fahrwasser) nehmen wir die Genua weg. Um 18:30 wollen wir in den Vorhafen rein, aber die Ampel steht auf Rot. Hatten wir schon erwartet, da wir das AIS Signal der Calais-Dover-Calais Fähre bereits auf dem Bildschirm gesehen haben. Vor uns sind noch 2 Segler, die ebenfalls nach Calais rein wollen. Es wird grün, wir reihen uns ein und fahren gemeinsam in den Wartebereich für Sportboote vor der Brücke, die die Einfahrt zum Jachthafen versperrt. Walter ist froh, dass er den Hafen nicht anfunken muss, weil das der französische Skipper vor uns bereits erledigt. Nach kurzer Wartezeit zeigt das Brückensignal an, dass die Brückenöffnung vorbereitet wird. Der freundliche Hafenmeister sortiert in Blitzgeschwindigkeit die Neuankömmlinge, weist uns einen Liegeplatz in einer Box mit Schwimmauslegern zu, nimmt auch gleich noch die Leinen an und um 19:30 sind wir fest. Sagen wir mal: Heute schlapp begonnen und sportlich geendet. Einen derartigen Zieleinlauf haben wir selten erlebt!

Brüssel

Um 8:44 Uhr fährt der IC von Oostende nach Brüssel, wir sind dabei und fahren bis zur Station Central. Wir laufen zunächst völlig desorientiert durch die Gegend und landen gleich am Kunstberg mit der National-bibliothek, Kongresspalast und Palast der Dynastie. Alles sauber herausgeputzt, hier spielt Geld augenscheinlich keine Rolle. Uns steht der Sinn jedoch erst nach einem zweiten Frühstück, nach einem Stadtplan und Reiseführer. Unseren Kaffee/Tee mit Brioche nehmen wir in der feinen Königlichen Galerie St. Hubertus zu uns und studieren den frisch erworbenen Reiseführer und Stadtplan. Neben dem Kaffeehaus ist ein Schokoladenladen vom Feinsten. Belgische Schokolade und die Pralinen sollen ja die Besten überhaupt sein, aber aufgrund des Preises verzichte ich auf eine Kostprobe, mache zum Andenken jedoch ein Foto. Gestärkt gehen wir zum Grand Place mit Rathaus, Königshaus und Zunfthäusern. Das Rathaus soll das schönste gotische Gebäude von ganz Belgien sein. So viel Glanz und Gloria auf einem Fleck! Unglaublich. Mittlerweile regnet es in Strömen und wir ziehen eine trockene Variante der Stadtbesichtigung vor: Den hop on – hop off Sightseeing Bus für € 23,00/Person. Mit dem hop off wird es aufgrund des Regens nichts, wir fahren die komplette Route 2 (Innenstadt und Europaviertel) und anschließend gleich noch die Route 1 (Atomium, Laeken, National Basilika) mit. In einer Regenpause schauen wir uns den kleinen „Manneken Piss“ an und laufen quer durch die Stadt zum Europaparlament. Hier gibt es eine neue Multimedia-Gratisausstellung „Parlamentarium“ die wir besuchen. Aber offenkundig sind wir nicht die Zielgruppe, die diese Werkschau ansprechen will. Da wird das Thema Europa bis an den ersten Weltkrieg aufgerollt, eine komplette Etage widmet sich dem Thema in der Zeit von 1939 – 2011. Es wird viel für die Generation „ I“ (gesprochen Ei) geboten, wo gewischt und gescrollt wird. Der Mediaguide ist ein abgespecktes I-Pad und eine 360 Grad Multimediashow zeigt die Arbeit unserer 5000!!! Europaabgeordneten. Mal ganz ehrlich, mich beschleicht hier das Gefühl, das dies alles eine kolossale Geldvernichtungsmaschine ist. Aber wie heißt es so schön? Wer im Glashaus sitzt, werfe keine Steine.