Planänderung

Wir dürfen in Porto Santo bleiben! Es ist Starkwind vorhergesagt und da wollen wir ohne Not nicht draußen sein. Wir machen jetzt das offizielle Touristenprogramm. Wandern, Baden (nur ich), relaxen (Walter) und lassen uns über die Insel treiben. Ich freue mich drauf! Vielleicht lässt sich Walter dazu überreden eine Vespa zu mieten, das wäre doch ein guter Plan!

Bordalltag und Ankunft in Porto Santo

Der Bordalltag wird unterbrochen von vielen witzigen Begebenheiten. Frühstücksbrot, zur Sicherheit an der Spüle geschmiert und belegt, verlässt im Cockpit bei der ersten Welle den Teller und fliegt Richtung Walter. Käsescheibe klebt an ihm und das Butterbrot, mit der schmierten Seite nach unten, auf dem Teakdeck. Gibt schöne Fettflecken, bei allen Beteiligten. Überhaupt sieht man auf dem Cockpittisch und darunter, was es in den letzten Tagen zum Essen gegeben hat. Schöner Kringel vom Spaghetti mit Pesto, Flecken vom Wegflugsalatdressing usw. Tägliche Beweglichkeitsübung ist die Morgentoilette im Bad: Knapp zwei Liter warmes Wasser ins Becken, mehr würde drüber schwappen. Vier Einmalwaschlappen aus dem Badschrank, einhändig, weil die andere Hand benötigt wird, den Restinhalt des Badschranks vor dem Abflug zu retten. Komplett ausziehen. Zwei Waschlappen nass machen und mit Duschgel durchtränken, von oben nach unten arbeiten und ab dem Äquator den zweiten Seifenlappen nehmen. Nicht, unter gar keinen Umständen die Lappen im Wasser auswaschen, da das klare Wasser sonst unbrauchbar wird. Seifig und dreckig wegschmeißen. Unglaublich, wie dreckig die Luft selbst hier draußen ist. Jetzt selbe Prozedur mit den nassen Lappen ohne Seife um die Seife vom Körper zu kriegen, hier darf zwischendurch ausgewaschen werden. Das alles mit einer Hand, da die andere zum Halten benötigt wird. Ganz toll ist Haare waschen mit dem Kopf im Waschbecken und dem Duschschlauch in der Hand. Geht nur im kleinen Bad vorne mit geschlossener Türe. Hintern an der Türe, linkes Knie an der Toilette und rechtes Knie am Waschtischunterschrank, so verkeilt den Kopf übers Waschbecken. Das geht natürlich nicht ohne mächtige Spritzerei und Druckstellen an den beteiligten Körperteilen. Für das Komplettprogramm ist schon eine Stunde zu kalkulieren.
Essenszuereitung: Im Hafen vorkochen. Gekochte Nudeln halten sich gut im Kühlschrank. Pastasauce auch. Gestern musste frisch gekocht werden: Kartoffelgratin und Schwäbisch Hällisches aus der Dose. Kartoffeln aus dem Vorschiff kramen, in der Plastikwanne ins Cockpit reichen, am Cockpittisch sitzend (da so 2 Hände frei) schälen, unten kurz abwaschen und oben mit dem Gurkenhobel in feinste Scheiben hobeln und in die Glasform schichten. Gewürze und Sahne drüber und in den Backofen. Der Backofen nervt uns schon längere Zeit, weil er immer ausgeht. Beim Backen läuft das so, dass sich Walter auf den Boden vor den Backofen setzt und die Sache überwacht. Der Backofen geht immer mal wieder aus und es muss ab und zu die heiße Auflaufform mit den feuerfesten Handschuhen wieder aus dem Ofen rausgenommen werden (wo stellt man das heiße Teil jetzt ab?) da sonst der Backofen nicht wieder angemacht werden kann, die elektronische Zündung geht nämlich nicht. So sind wir beide voll in den Prozessen drin, ich mit den feuerfesten Handschuhen und Walter mit dem Stabfeuerzeug. Die einfachste Übung ist die Dose mit dem Fleisch aufzumachen, ins Töpfchen geben und auf der kleinen Gasflamme zu erwärmen. Ich denke, der Backofen hat seine Lebensarbeitszeit bei uns am Bord erreicht und muss ausgetauscht werden. Ist ein französisches Modell und für 5 Jahre alte Modelle gibt es keine Ersatzteile (Zündsicherung) mehr. Das Backofenthema bereits steht in einem Bericht übers Winterlager 2011/2012 drin. Beteiligt ENO, Frankreich und Bukh, Bremen.
Auch das Abspülen ist eine Herausforderung bei Seegang. Schmutziges Geschirr muss abflugsicher abgestellt werden, gespültes ins Abtropfgitter und gleich abgetrocknet und verstaut werden. Für das Geschirrspülen geht das meiste Frischwasser drauf. Das muss halt sein. Für 7 bis 10 Tage haben wir keinerlei Wasserprobleme, für längere Zeiträume müssen wir uns was überlegen. Plastikteller, Pappbecher und Wegwerfbesteck sind mülltechnisch gesehen auch keine Lösung.
Thema Plastikmüll: Unglaublich, wie viele PET-Flaschen, Plastiktüten, Styroporverpackungen im Atlantik schwimmen, hauptsächlich küstennah, aber auch hier draußen. Der Plastiktütenwahn in den Supermärkten in Spanien und Portugal ist unglaublich. Die Kassiererin packt in unglaublicher Geschwindigkeit die Einkäufe nebenbei in zig Plastikbeutel. Schwierig ihr zu erklären, dass die Sachen alle uneingetütet in den Rucksack und die Einkaufstasche dürfen. Wir haben mittlerweile bereits ein Mülltütenstauproblem.
Den Text habe ich unterwegs im Cockpit geschrieben und nun sind wir sicher im Hafen von Porto Santo angekommen. Leider läuft zur Zeit irgendeine Regatta, sodass wir morgen schon wieder aus dem Hafen raus müssen. Als Alternative können wir im Hafen ankern und ab Sonntag Abend wieder an die Anleger gehen. Walter hat entschieden, dass er das Beiboot nicht aufpumpen will und wir deshalb gleich morgen weiter nach Madeira segeln und dort einige Tage verbringen werden – solange es uns gefällt. Wir kommen aber anschließend wieder nach Porto Santo zurück.

4. Tag auf dem Atlantik

Kurz vor dem Abendessen geht der Wind auf 8 -10 Knoten aus NNE zurück. Unsere Kurslinie ist 220 Grad, also fast Südwest. Die Windstärke reicht jetzt schon wieder nicht zum Segeln. Die aus Südwest anrollende Dünung schaukelt das Schiff so auf, dass wir mindestens 15 Knoten Wind benötigen, um genügend Fahrt im Schiff zu haben. Dann laufen die Wellen einigermaßen harmlos unter dem Heck durch und die Hin- und Herschaukelei –nicht auf und ab – hält sich in Grenzen. So also muss uns wieder der Otto mit 6 Knoten durch die Nacht schieben. Die Wettervorhersage hatte uns für Montag und Dienstag 4-5 Beaufort aus N bis NE, Böen mit 6 Beaufort vorhergesagt. An der portugiesischen, spanischen und marokkanischen Atlantikküste war sogar Starkwind vorhergesagt, ich hoffe, dass es dort auch 2 Beaufort weniger waren, denn zumindest an der portugiesischen Küste werden in diesen Fall die Häfen geschlossen werden, da die Einfahrt wegen den hohen Wellen zu gefährlich ist. Alle Segler, die wir seit A Coruna in den verschiedensten Häfen wieder getroffen haben, sind noch an der portugiesischen Küste unterwegs. Viel Glück euch Allen und immer eine Handbreit „Porto“ in der Bilge, wahlweise auch Sherry.
Ja Marokko, also Afrika, liegt mittlerweile links von uns, wir sind „Jenseits von Afrika“.130 Seemeilen bis Porto Santo, Madeira. Heute übernimmt Walter die Hundewache von 1 Uhr oder 2 Uhr an bis 6 oder 7 Uhr, je nachdem, wann ihm das Gesicht einschläft. Die ersten drei Nächte habe ich die Hundewache gemacht, da ich vor 12 Uhr überhaupt nicht schlafen kann und nach 1 Uhr auch nur bedingt. In meinem riesigen Doppelbett in der Achterkoje zu schlafen geht schon mal gar nicht. Ich würde nur von einem Rand zum anderen rollen. Querschlafen, sodass das Kopfkissen an der Backbordwand und die Füße sich an der Steuerbordwand abstützen geht auch nicht. Ich bin zu kurz dafür. Und außerdem wären immer abwechselnd der Kopf oder die Füße im Wellental und das könnte mein Gleichgewichtssinn wohl dann doch nicht verkraften. Wir schlafen momentan abwechselnd auf der Backbord-Salonbank, 60 Zentimeter, das geht, solange man/frau sich nicht umdrehen will. Einzig die Geräusche stören. Der Sound vom Dieselmotor (wenigstens monoton gleichmäßig), das Scheppern vom Backofenrost (jetzt ausgestopft mit Duschtuch), das pfeifende Gequietsche unter der Spüle (3 Nächte lang nicht gefunden), das Umherfliegen der Hafenhandbücher (eigentlich im Bücherschapp durch Metallstange gesichert, jetzt noch ein Buch dazwischen gerammt, dass sich nichts mehr bewegt), das Klappern der Kaffeetassen in der Spüle… Wo hin sonst mit dem dreckigen Zwischendurchgeschirr? Eine Mütze Schlaf bekomme ich immer.
Die Nachtwachen sind nicht anstrengend. In der Nacht vom 11. auf den 12. August habe ich unzählige Sternschnuppen gesehen. Alle sind aus der Richtung der Plejaden* ins Wasser gefallen. Bei einigen war ich sogar mit dem Wünschen so schnell, dass viele gute Wünsche nach Hause zur Familie geschickt wurden.
*Plejaden: Sternenhäufung in der Nähe des Himmels-W (Cassiopeia), aktuell von meiner Position aus im Nordosten, in Laufe der Nacht nach Nordwest drehend. Ich saß mit dem kleinen Sternenbuch im Cockpit und habe versucht einige Sternbilder zu erkennen. Nur der helle Vollmond und die vielen Wolken haben mein Vorhaben sabotiert. Ich bleibe dran. Es gab auch hallo Wach Momente: Bei einem Rundumblick auf einmal ein neues weißes Licht hinter mir am Horizont – Mist, Hecklicht vom Frachter, den ich nicht gesehen hatte? Oder Dampferlicht von einem Segler hinter mir? Das kommt aber näher, wird größer? Es war ein heller Stern, der im Nordosten aufging und langsam am Horizont nach oben stieg. Wie der shocking Stern heißt, habe ich nicht rausgefunden.

Unterwegs nach Porto Santo

Am Samstag, 09.08.2014 sind wir um 9:15 Uhr aus Figuera da Foz weg. Die Ausfahrt aus dem Fluss war unproblematisch, da um 8:30 Uhr Ebbe war und wir deshalb nicht mit bis zu 6 Konten Ebbstrom (Fluss und ablaufendes Wasser) zu tun hatten. Auch der Schwell, der auf die Flussmündung stand war gering. Gering war auch der Wind, leider den kompletten Samstag über. Als der Wind auffrischte blies er uns aus SW direkt auf die Nase. Zu wenig Wind und zu weite Strecke zum Aufkreuzen. Bis Sonntag gegen 7 Uhr sind wir mit dem Motor gefahren. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war es dicht bewölkt, sodass wir den Vollmond kaum sehen konnten. Der Wind drehte auf West und wir konnten für kurze Zeit mit Großsegel und Genua fahren. Später im Laufe des Sonntags mussten wir das Großsegel wieder bergen und den Motor mitschieben lassen. Schwachwindig und kreuz und quer laufende Welle. So ging es in die zweite Nacht. Nach dem Abendessen habe ich mich hingelegt und versucht eine Mütze Schlaf zu bekommen – ist gar nicht so einfach mit dröhnendem Motor. Die Hundewache von 2 Uhr bis 7 Uhr habe ich übernommen und Walter hat sich hingelegt. Wir haben vereinbart, den anderen schlafen/ruhen zu lassen sofern man/frau sich noch fit fühlt. Es war eine helle Vollmondnacht und gegen 5 Uhr morgens kam im Osten das Sternbild „Orion“ über den Horizont. Nach 7 Uhr zeigte sich die Sonne und nach einem kurzen Frühstück hat Walter die Schicht übernommen. Den kompletten Montag war es ebenfalls schwachwindig, jedoch aus der richtigen Richtung, aus Nordnordost. Wir laufen aktuell nur mit der Genua und müssen jedoch vor dem Wind kreuzen, da unser Kurs 220 Grad sein sollte. Die nach SSW setzende Welle macht uns das Leben an Bord schwer, lange Atlantikdünung ist anders. Ein so ein blöder Hack ist das, kurze Welle und zwischendrin noch querlaufende Windsee. Die Sunrise wird ganz schön hin und hergeschoben und im Wellental fällt die Genua zusammen um sich mit einem lauten Blobb wieder zu füllen, an den Schoten zu zerren und das gefühlte 100000mal am Tag und in der Nacht. Gestern nach dem Abendessen war mal wieder kurz Alarm an Bord. Walter ist grad eh nicht so besonders gut drauf, er hat sich in Figuera da Foz das Gesicht und die Lippen verbrannt, die jetzt aufgeplatzt sind und höllisch brennen. Er hat auf dem Kartenplotter die Kurslinie gecheckt und dabei gesehen, dass rechts oben das AIS-Symbol (automatisches Schiffsidentifizierungssystem) rot ausgestrichen war und no ais dabei stand. In die Nacht ohne AIS – er war mächtig sauer. Allheilmittel: Alles ausschalten, warten, Navigationsinstrumente, UKW Funk, AIS und Kartenplotter wieder einschalten. ES ging dann wieder und vermutlich war es so, das im weiten Umfeld in der Tat kein Schiff mit AIS Signal unterwegs war. Gestern Nacht hatte ich gerade mal zwei Frachter, nach Bremerhaven und Stade, sowie einen Kreuzfahrer nach New York auf dem Schirm. Segler habe ich schon lange keine mehr gesehen. Nun geht es in die dritte Vollmondnacht und eine weitere wird folgen, denn wir haben noch 220 Meilen vor uns. Wir sind nicht besonders flott unterwegs, da wir aktuell zwischen 10 und 14 Konten Wind haben.

Seglerlatein

Seglerlatein ist deckungsgleich dem Jägerlatein. Man kann die Geschichten glauben oder auch nicht.
Eine Geschichte (die ist wahr) berichtet von einem Segler, der von einer ARC-Yacht, mitten im Atlanik, gleich zwei Mal über Bord sprang und, Gott sei Dank, beides Mal von seinem Mitsegler wieder auf-und eingefischt wurde. Er wurde zwar dann in seine Kabine eingeschlossen, was ihn aber nicht daran hinderte, weiterhin aussteigen zu wollen. Am Ende wurde er von einem herbeigerufenen Kriegsschiff abgeborgen und vor sich selbst geschützt.
Die letzten Tage auf See, aber auch schon die Überfahrt über die Biskaya haben mich im Geiste diesem Manne doch etwas näher gebracht. Um dies zu erklären muss ich etwas ausholen. Stellt euch mal vor ihr würdet in einem Straßenkaffee bei einem Glas Tee sitzen und irgendwoher aus einem Geräuschgewirr nur an der Art der Lautstärke den Duktus eine bekannte Stimme erkennen „Da sitzt doch irgendwo der Helmut“ , oder die Kirchenglocken in eurer Gemeinde. Jeder kennt den Klang die Abfolge der einzelnen Schläge, jeder weiß die Uhrzeit ohne hinzuschauen. Oder der Rasenmäher von meinem Nachbar. Ich würde den aus tausenden heraushören und ich würde wissen, wenn ich ihn höre, es ist Samstagmorgen 8:00 Uhr und der Herbert ist am Mähen. Diese Alltagsgeräusche erzeugen Bilder in unseren Köpfen, diese heben uns in eine andere Ebene nach der wir handeln. Wir sammeln diese Alltagsgeräusche und je älter wir werden, umso mehr Datensätze haben wir zur Verfügung. Bei mir sind es jetzt auch schon einige.
Auf einer dieser Nachtwachen auf dem Weg nach Porto Santo (Madeira Archipel) hörte ich nun ein Geräusch, das irgendwo am Schiff entstanden war. Im Mast, an den Wanten, am Geräteträger, von irgendwo hatte ich dieses Geräusch aufgenommen, welches mein Hirnschmalz erreichte und es dieses routiniert kühl und sachlich als ein Alltagsgeräusch identifizierte. Eine weitere Analyse ergab: Ein in weiter Entfernung fahrender Rettungswagen mit Sirene!!! Wie Bitte???? Ein in weiter Entfernung fahrender Rettungswagen, HIER auf dem Atlantik. 200 nm von der nächsten Landmasse entfernt? Womöglich mit Blaulicht? Hier zeigt sich das Problem, denn die gesammelten Datensätze stimmen nicht mehr mit der Realität überein, wir befinden uns in einer anderen Situation. Fast wäre ich dieser Fehleinschätzung erlegen, doch dann klatschte die nächste Atlantikwelle an den Rumpf der Sunrise und führte mich wieder ins richtige Bild. Segler sind halt doch etwas verrückt.
Anmerkung: Bei Überfahrten gilt auf der Sunrise grundsätzlich die 00,0 Promille Grenze!!!

Figuera da Foz_2

Zwei Tage in Figuera da Foz. Kilometerlanger Sandstrand, die Strandpromenade gesäumt von Hotels. Teilweise Glas-Edelstahl-Architektur, teilweise abbruchreif. Das Altstadtviertel mit bunten Häusern, mit knallig hellgrünen, altrosa oder orangefarbenen Fassaden. Wir verproviantieren uns hier im Supermarkt und erregen Aufsehen, als wir mit unserer Baumarkt-Sackkarre (leider die kleine Ausgabe, nur 80 cm hoch und total unbequem zum Ziehen) bepackt mit einer vollgefüllten Klappbox über die gepflasterten Wege pollern. Aber 18 Liter Flüssigkeit plus Beiwerk, also 25 Kilogramm wollen irgendwie zum Schiff transportiert werden. Heute Abend gegen 19 Uhr, ich bin gerade am Vorkochen, laufen Christine und Heinz in den Hafen ein. Unverhofft kommt oft! Eine nette Überraschung und da ich gerade eine ganze Packung Nudeln und eine frische Tomaten-Paprika-Sauce gekocht habe, gibt es das komplette Seglermenü (Nudeln, Sauce, Salat) auf der Sunrise. Heinz bringt sein Anlegerbier selbst mit und ist der zufriedenste Segler der Welt. Christine und Elke sind auch zufrieden, weil Christine einen portugiesischen Prosecco stiftet. So schön kann segeln sein! Anschließend ziehen sich die Crews an den Kartentisch zur weiteren Törnplanung zurück. Wir gehen morgen nach Porto Santo (Madeira) rund 560 Seemeilen und wir rechnen mit 4,5 Tagen Reisezeit. Christine und Heinz haben 60 Meilen vor dem Bug. Zwischendurch kocht noch ein Linsencurry mit roten Linsen und Karotte für unterwegs. Die restliche Verpflegung für die vier Tage kommt aus der Dose: Schwäbisch Hällisches Biofutter – der absolute Hit: Gulaschsuppe mit Brot, Geschnetzeltes mit Reis (Reis richtig gut aufkochen, vom Herd nehmen, Topf in mindestens zwei Duschtücher einpacken, diesen Pack dann in Bett. Der Reis wird superkörnig und kann nach 4 oder auch 8 Stunden noch gegessen werden), Rindsrouladen mit Kartoffeln (sofern der Seegang nicht zu heftig ist). Die Verpflegung ist gesichert, muss nur noch der Wind und der Seegang mitspielen.

Figuera da Foz

Heute war Frühsport auf dem Plan. Ablegen in Porto gegen 7 Uhr um die 65 Seemeilen nach Figuera da Foz bei Tageslicht zu machen. In der Douro Marina waren schon die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, aber kaum aus dem Hafen draußen kamen wir in eine dicke Nebelwand. Kein Wind, eine Motorfahrt mit dem Radar und 4 Augen-Ausguck war angesagt. Die Fischer hier sind richtig abgebrüht, keine Positionsleuchten an, kein AIS und vielleicht auch kein Radar. Zwei von ihnen lagen direkt auf unserer Kurslinie, aber unser Raymarine-Radar hat sie lange vor uns gesehen. Gut zu wissen, dass das Gerät momentan zuverlässig arbeitet. Die Unmengen von Fischernetzen und Fischerfähnchen haben wir erst im letzten Augenblick gesehen und Blitzausweichmanöver gefahren, weil ein Fischernetz oder Tau in der Schiffsschraube der blanke Horror ist. Erst gegen Mittag drückte die Sonne durch und der Wind frischte auf, sodass wir bis kurz vor Figuera da Foz segeln konnten. Wie alle portugiesischen Häfen ist auch Figuera da Foz bei viel Schwell schwierig bis unmöglich anzulaufen. Der Hafen wird dann geschlossen, anscheinend soll sich auf der Nord-Mole ein Signalmast befinden, den wir jedoch nicht ausmachen konnten. Da wir jedoch momentan eine Schwachwindphase haben, baut sich kaum Schwell auf, sodass wir bislang Glück hatten und alle Häfen ohne Probleme anlaufen konnten. Das Marinapersonal ist auch hier überaus freundlich und hilfsbereit. Der Hafen bietet viel Platz für Gäste, nur die Duschen und WCs sind sehr weit weg. Ein Spaziergang rund um den Hafen ist erforderlich. Am Ende des Tages war die ganze Seglerschar, die Richtung Süd geht, vereint. Die Australier mit der Black Butterfly, der Holländer mit der Blue Valentine und natürlich die Sunrise – nur die Anima Mea mussten wir zurücklassen. Christine und Heinz wollen Porto auch noch sehen. Steffi und Tomy von der Yemania machen Urlaub vom Urlaub und fliegen morgen von Porto aus nach Hause.

Porto

Was für ein Glück haben wir, dass wir uns diese Reise leisten können. Heute in Porto haben wir uns etwas abseits der Touristenpfade bewegt. Es ist schockierend, welche Armut es mitten in Europa gibt. Welche Chance haben die vielen Kleinkinder und Jugendlichen, die hier mehr auf der Straße als im beschützen zu Hause aufwachsen? Deren Chance tendiert gegen Null. Was für paradiesische Zustände haben wir doch in Deutschland, aber alle meckern über die Arbeitsmarktpolitik, die Wirtschaft, die Steuern, das Bildungssystem etc. Wir jammern auf höchstem Niveau, anstatt zuzugreifen und unsere Chance zu packen. In den Nebenstraßen hier in Porto ist ein großer Teil der Häuser einsturzgefährdet und abbruchreif, teilweise jedoch noch bewohnt. Traurig ist diese Seite von Porto. Zurück zu unserem Tag hier in Porto: Wir sind mit der Taxifähre über den Douro gefahren und anschließend mit der historischen Straßenbahn entlang des linken Douroufers in die Innenstadt. Heute war es möglich den Torre dos Clérigos zu besteigen und die atemberaubende Aussicht rund um Porto zu genießen. Anschließend sind wir Richtung „Art Spot“ gelaufen um diverse Galerien und Läden anzuschauen. Wir waren weder in einer Galerie noch in einem Laden. Entweder Sommerpause oder pleite oder total daneben. Sehr sehenswert ist der Park um den Palacio Cristal (Konferenzcenter) und das Museu Romentico. Wir hatten nur das kleine Problem, dass wir uns verlaufen haben. Der Park ist in Terrassen über dem Douro angelegt, aber leider sind viele Terrassen Sackgassen, sodass wir mehrfach bergab und bergauf laufen mussten um endlich, mit viel Glück, einen Ausgang Richtung Douro zu finden. Wir kamen weit draußen vor der Stadt zurück auf die Hauptstraße und es hat sich nicht mehr gelohnt, für die letzten Meter in die Straßenbahn einzusteigen. So sind wir auch heute wieder zu Fuß und dann mit dem Taxiboot zurück zur Marina. Zwischenzeitlich waren auch Christine und Heinz mit der anima mea in der Douro Marina. Wir haben einen lustigen gemeinsamen Abend mit Abendessen im Restaurant verbracht. Abschiednehmen fällt schwer. Wir wollen weiter, Christine und Heinz haben noch viel Zeit, da sie in Spanien ins Winterlager gehen. Unser nächstes Ziel ist Madeira und dann die Kanaren.

P wie Portugal, Porto und Portwein

Ich hatte ja ganz vergessen zu erwähnen, dass wir seit Viana do Costelo in Portugal sind. Somit verändert sich die Zeit (eine Stunde früher, UTC + 1), die Sprache und das Nachtleben. Die Sprache deshalb, weil Danke nicht mehr gracias sondern obrigado/a heißt, und „haste mal Lego“ (hasta luego – bis später) auch nicht mehr zu hören ist. Das Nachtleben, weil hier in Portugal gegen 20 Uhr und nicht gegen 23 Uhr zu Abend gegessen wird. Damit können wir gut leben.
Unser heutiges Programm: Porto zu Fuß! Von der Douro Marina immer am Ufer des Douro entlang, nach etwa 3 Kilometer sind wir mitten drin und zwar genau auf der richtigen Uferseite. Hier nämlich sind die ganzen Portweinkellereien mit Degustation wie Perlen an der Kette aufgereiht. Wir besuchen die von der Marina empfohlene Churchill Kellerei, verzichten aber vorerst auf die Verkostung, da es noch viel zu früh am Tag ist. Wir vereinbaren einen Termin zur Kellerführung um 17:30 Uhr. Genügend Zeit um die Highlights in Porto in Augenschein zu nehmen. Zuerst fahren wir mit der neuen Doppelmayr-Umlaufgondel hinauf auf die Anhöhe. Direkt auf die zweiten Ebene der berühmten Eiffelbrücke „Ponte de D. Luiz I“ und gehen unmittelbar neben den Bahnschienen drüber (ist erlaubt) um auf die andere Uferseite zu gelangen. Nächstes Highlight ist die Kathedrale, dann der Hauptbahnhof mit der riesigen Halle, deren Wände mit bunten Kacheln verziert sind. Anschließend besichtigen wir den schönsten Mac Donalds Europas; essen nichts, bestaunen nur die Kronleuchter und die Bleiglasscheiben. Weiter geht es zur Livraria Lello (ältester Buchladen) und anschließend zum Torre das Clérigos, den wir aber aufgrund der Warteschlange nicht hochsteigen. Genug Touristenprogramm für heute, wir lassen uns bis 17 Uhr ziellos durch die Altstadt treiben um anschließend auf der unteren Ebene (wie langweilig) über die Eiffelbrücke zu gehen um die Führung bei Churchill zu machen. Es wird eine Exklusivführung nur für uns beide, wir verkosten drei verschiedene Portoweinsorten und erwerben 3 Flaschen vom 10jährigen Twany. Um wieder zurück in die Altstadt zu kommen überqueren wir ein weiteres Mal die großartige Eiffelbrücke. Plötzlich Fußgängerstau auf der Brücke, Platscher im Douro und Gejohle vom Ufer. Vier halbverrückte Halbstarke springen von der Brücke in den Douro und schwimmen/kämpfen sich gegen die mächtige Strömung ans Ufer. Wir landen in einer Sisha-Bar vor der ein australischer Musiker Songs von Sting spielt. Auf die Wasserpfeife verzichten wir, genehmigen uns jedoch einen weiteren Schluck Portwein zur Stärkung – wir wollen ja schließlich den Sonnenuntergang über dem Douro bestaunen. Die Sonne geht doch in der Tat genau zwischen den Brückenpfeilern unter. Sobald die Sonne weg ist, wird es richtig kalt und wir beeilen uns zurück zum Schiff zu kommen. Das atlantische Klima ist sehr angenehm, immer frischer Wind, tagsüber nicht zu heiß und nachts kühlt es ab, sodass man richtig gut schlafen kann.

Fischernetzslalom und Delphinshow

Am späten Vormittag verlassen wir Viana do Castelo mit Ziel Douro Marina Porto. Die Windprognose ist nicht vielversprechend. Westnordwest 2-3 Beaufort auf Nord drehend und auf 4 Beaufort zunehmend. Schwachwindsegeln kennen wir ja vom Bodensee, mit dem gravierenden Unterschied, dass wir auf dem See gerade mal 700 kg zu bewegen haben, aber die Sunrise bringt 9 Tonnen auf die Waage. Die müssen erst mal zum Laufen gebracht werden. Hartnäckig wird getrimmt. Auch die Unmengen an Fischerfähnchen hindern ein richtiges Vorankommen. Ständige Slalomfahrt ist angesagt. So extrem wie auf diesem Streckenabschnitt hatten wir das noch nicht. Zwischendurch besuchen uns Delphinschulen mit Jungtieren dabei und spielen mit der Sunrise. Ich hoffe so sehr, dass sich die anmutigen Tiere nicht in den unzähligen Fischernetzen verfangen, denn das bedeutet unweigerlich, dass sie ertrinken, weil sie nicht mehr zum Luftholen auftauchen können. Schreckliche Vorstellung.
Für die 37 Meilen von Viana do Castelo nach Porto brauchen wir knapp 8 Stunden. Ein blamabler Schnitt, aber wir haben seit Hooksiel schon viel zu viele Motorstunden auf dem Zähler, dass wir einen Schwachwindsegeltag akzeptieren. Wir sind ja nicht auf einer Regatta. Die neue Douro Marina Porto liegt im Douro gleich nach der Mündung auf der rechten Uferseite. Die Ansteuerung ist bei viel Schwell nicht ungefährlich. Wir sind von Südsüdwest angelaufen und wurden trotz wenig Schwell sehr nach Steuerbord versetzt. Also gut vorhalten. Die Betonnung ist sehr gut und in den Douro rein gibt es auch ein Richtfeuer. Wir haben die Einfahrt zur Marina kurz vor Hochwasser erreicht und deshalb auch kein Problem mit der Tiefe gehabt, bei Niedrigwasser könnte es für Schiffe mit Tiefgang >2 Meter knapp werden. Die Douro Marina hat Schwimmstege und aktuell noch genügend Platz für Gäste. Die Anlage ist zwei Jahre alt und sehr gepflegt und sauber. Wasser und Strom an den Stegen ist frei. Die historische Stadt Porto ist drei Kilometer flussaufwärts und zu Fuß gut zu erreichen. Unser Programm für Montag steht damit also fest.